Erste Hilfe am Kind ist der Bereich deiner Ausbildung, in dem Sekunden zählen und in dem Prüfungsantworten am häufigsten zu vage bleiben. Wer nur schreibt, er hole Hilfe und beruhige das Kind, hat fachlich noch nichts gezeigt. Erwartet werden eine klare Handlungsreihenfolge, korrekte Maßnahmen und die Fähigkeit, zwischen Situationen zu unterscheiden. Wichtig für dein Rollenverständnis: Erste Hilfe kannst du nicht an die Fachkraft abgeben. Sie ist eine allgemeine Pflicht, die jede Person trifft, und im Gruppenalltag bist du oft diejenige, die als Erste beim Kind ist. In Nordrhein-Westfalen ist Unfallprävention und Erste Hilfe sogar ein eigenes Lernfeld im Prüfungsfach Gesundheitsförderung und Pflege.
Definition – Notfallkette: Die Notfallkette ist die feste Reihenfolge, in der jede Hilfeleistung abläuft: Eigenschutz und Unfallstelle sichern, Kind ansprechen und Bewusstsein sowie Atmung prüfen, Hilfe rufen und Notruf 112 absetzen, lebensrettende Maßnahmen durchführen, das Kind betreuen und warm halten, bis der Rettungsdienst eintrifft.
Der rechtliche Rahmen: was die DGUV vorschreibt
Kinder in Kindertageseinrichtungen sind gesetzlich unfallversichert. Zuständig sind die Unfallkassen der Länder, die gemeinsam mit den Berufsgenossenschaften unter dem Dach der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung organisiert sind. Deren Regelwerk ist für Kitas verbindlich.
Nach § 26 der DGUV Vorschrift 1 muss der Träger sicherstellen, dass genügend ausgebildete Ersthelfer zur Verfügung stehen. Für Kinderbetreuungseinrichtungen bedeutet das mindestens eine ersthelfende Person je Kindergartengruppe und mindestens zwei je Einrichtung. Der zugehörige Lehrgang heißt “Erste-Hilfe-Fortbildung in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder”, umfasst neun Unterrichtseinheiten zu je 45 Minuten und ist auf Maßnahmen am Kind zugeschnitten. Aufgefrischt wird alle zwei Jahre. Praktische Hinweise liefert die DGUV Information 202-089 “Erste Hilfe in Kindertageseinrichtungen”.
Dazu kommen zwei Dokumentationspflichten, die gern übersehen werden. Jede Hilfeleistung wird im Verbandbuch festgehalten, mit Datum, Uhrzeit, Hergang, Verletzung, Maßnahme sowie den Namen von verletzter Person und Ersthelfer. Wird nach einem Unfall ärztliche Hilfe in Anspruch genommen, sendet der Träger zusätzlich eine Unfallanzeige an die zuständige Unfallkasse. Das ist kein bürokratischer Selbstzweck, sondern die Grundlage dafür, dass spätere Folgekosten übernommen werden.
Der Notruf und die fünf W
Die 112 ist europaweit kostenlos von jedem Telefon erreichbar. Für das Gespräch merkst du dir die fünf W: Wo ist es passiert? Was ist passiert? Wie viele Betroffene? Welche Verletzungen? Und schließlich: Warten auf Rückfragen. Das Gespräch beendet die Leitstelle, nicht du.
Ein Merksatz für den Kita-Alltag: Der Notruf ist nie die letzte Option, im Zweifel ist er die erste. Ein abbestellter Rettungswagen kostet nichts, verzögerte Hilfe kann alles kosten.
Lebensrettende Maßnahmen am Kind
Ein bewusstloses Kind, das normal atmet, kommt in die stabile Seitenlage. Der Kopf wird überstreckt und liegt tiefer als der Körper, damit Erbrochenes und Blut abfließen können und die Zunge den Rachen nicht verschließt. Bei Säuglingen unter einem Jahr nutzt du stattdessen eine seitliche Lagerung auf dem Arm oder auf einer festen Unterlage mit leicht zur Seite gedrehtem Kopf, weil die klassische Seitenlage bei ihren Körperproportionen schwierig ist. In beiden Fällen kontrollierst du die Atmung durchgehend.
Atmet das Kind nicht normal, beginnt die Wiederbelebung. Weil ein Kreislaufstillstand bei Kindern meistens durch Sauerstoffmangel entsteht, sehen die Leitlinien des European Resuscitation Council eine Besonderheit vor: Du startest mit fünf initialen Beatmungen und setzt dann im Verhältnis 15 Thoraxkompressionen zu 2 Beatmungen fort. Wer nicht in der Kinderreanimation geschult ist, darf wie bei Erwachsenen 30 zu 2 arbeiten. Gedrückt wird mit 100 bis 120 Kompressionen pro Minute, etwa ein Drittel des Brustkorbdurchmessers tief, mit vollständiger Entlastung zwischen den Kompressionen.
Die Sorge, mit der Herzdruckmassage etwas kaputt zu machen, hält viele vom Handeln ab. Der einzige echte Fehler ist jedoch, nichts zu tun. Eine gebrochene Rippe heilt, ein Sauerstoffmangel im Gehirn nicht.
Verschlucken: die Reihenfolge nach Alter
Kleinteile, Nüsse, Weintrauben und Karottenstücke sind die Klassiker. Solange das Kind kräftig hustet, ist der Husten die wirksamste Maßnahme. Du feuerst es an, statt einzugreifen. Wird der Husten schwach, das Kind still, blau oder bewusstseinsgetrübt, handelst du sofort.
| Alter | Vorgehen bei wirkungslosem Husten | Absolut verboten |
|---|---|---|
| Säugling unter 1 Jahr | Bäuchlings mit dem Kopf nach unten über den Unterarm legen, 5 kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter, ohne Erfolg umdrehen und 5 Brustkompressionen, im Wechsel wiederholen | Heimlich-Handgriff, blindes Auswischen des Mundes |
| Kind ab 1 Jahr | Oberkörper nach vorne beugen lassen, 5 Schläge zwischen die Schulterblätter, ohne Erfolg 5 Oberbauchkompressionen (Heimlich-Handgriff), im Wechsel wiederholen | Blindes Auswischen des Mundes |
| Bewusstlosigkeit tritt ein | Notruf 112 sicherstellen und sofort mit der Wiederbelebung beginnen | Abwarten |
Zwei Fehler kosten in Klausuren regelmäßig Punkte. Der Heimlich-Handgriff darf bei Säuglingen unter einem Jahr nicht angewendet werden, weil innere Organe verletzt werden können. Und blind mit dem Finger im Mund zu suchen ist falsch, weil der Gegenstand dadurch tiefer rutschen kann. Nur ein sichtbarer, gut erreichbarer Fremdkörper darf entfernt werden. Ergänzend gilt: Nach einem erfolgreichen Heimlich-Handgriff muss das Kind immer ärztlich untersucht werden.
Wunden, Verbrennungen und weitere Notfälle
| Notfall | Sofortmaßnahme | Was du auf keinen Fall tust |
|---|---|---|
| Kleine Schürfwunde | Einmalhandschuhe anziehen, mit klarem Wasser spülen, keimarm abdecken | Pusten, Hausmittel auftragen |
| Stark blutende Wunde | Kompresse und Druckverband, Körperteil hochhalten, Notruf absetzen | Wunde offen lassen, Fremdkörper herausziehen |
| Nasenbluten | Kind nach vorne beugen lassen, Nasenflügel einige Minuten zusammendrücken, Nacken kühlen | Kopf in den Nacken legen |
| Kleinflächige Verbrühung | 10–20 Minuten mit handwarmem bis lauwarmem Wasser kühlen | Eis verwenden, Salbe, Mehl, Öl oder Zahnpasta auftragen |
| Großflächige Verbrennung | Keimfrei abdecken, sofort Notruf, Wärmeerhalt beachten | Kühlen, festklebende Kleidung entfernen |
| Vergiftungsverdacht | Giftnotruf oder Rettungsdienst, Verpackung und Reste bereithalten, Kind beobachten | Erbrechen auslösen, Milch oder Salzlösung geben |
| Pseudokrupp | Ruhe bewahren, Kind aufrecht halten, kühle feuchte Luft, bei Atemnot oder blauen Lippen Notruf | Aufregung erzeugen, das Kind hinlegen |
| Fieberkrampf | Vor Verletzungen schützen, Umgebung abpolstern, Uhrzeit und Dauer merken | Etwas in den Mund stecken, das Kind festhalten |
Beim Notruf hilft eine Faustregel: Beim ersten Fieberkrampf, bei einer Dauer über etwa fünf Minuten oder wenn sich das Kind danach nicht erholt, wird der Rettungsdienst gerufen.
Prävention: Risiken zulassen, Gefahren ausschließen
Statistisch dominieren Stürze das Unfallgeschehen in Kitas, gefolgt von Zusammenstößen beim Toben und Verletzungen an Spielgeräten. Weitere Schwerpunkte sind der Wickeltisch, Treppen, heiße Getränke, verschluckbare Kleinteile bei den Jüngsten und Wasser in jeder Form.
Die Unfallkassen unterscheiden dabei bewusst zwischen Risiko und Gefahr. Ein Risiko kann das Kind selbst einschätzen: Wie hoch traue ich mich? Springe ich oder klettere ich zurück? Solche Wagnisse sind pädagogisch erwünscht, weil Kinder nur so Bewegungssicherheit entwickeln. Eine Gefahr kann das Kind nicht erkennen: ein morscher Ast, eine lockere Schraube, ein zu großer Abstand am Geländer, eine Kordel an der Kapuze. Gefahren muss das Team ausschließen, Risiken darf es zulassen. Wer in einer Aufgabe zum Verhältnis von Aufsichtspflicht und Bewegungsfreiheit nur “besser aufpassen” schreibt, verfehlt genau diese Abwägung.
Praxisbeispiel
Beim Nachmittagssnack in der Krippengruppe sitzt Elias (2) am Tisch und isst Apfelstücke. Plötzlich hustet er heftig, die Assistenzkraft Miriam bleibt ruhig neben ihm und ermutigt ihn weiterzuhusten, ohne ihn anzufassen. Nach wenigen Sekunden wird der Husten leiser, Elias bekommt einen panischen Blick und ringt hörbar nach Luft.
Jetzt handelt Miriam. Sie ruft ihrer Kollegin zu, sie solle die 112 wählen und die anderen Kinder in den Nebenraum bringen. Sie beugt Elias’ Oberkörper nach vorne und gibt fünf kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter. Als das nicht hilft, folgen fünf Oberbauchkompressionen. Beim zweiten Durchgang löst sich das Apfelstück. Elias atmet wieder, weint und ist ansprechbar.
Miriam greift trotzdem nicht in seinen Mund und lässt den Rettungswagen kommen, denn nach einem wirksamen Heimlich-Handgriff muss das Kind ärztlich untersucht werden. Anschließend trägt sie den Vorfall ins Verbandbuch ein, und weil ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wurde, erstellt der Träger eine Unfallanzeige an die Unfallkasse. Hätte Elias das Bewusstsein verloren, hätte Miriam sofort mit der Wiederbelebung begonnen.
Das musst du für die Prüfung wissen
Typische Aufgabenstellungen sind:
- “Beschreiben Sie die Rettungskette und erklären Sie die fünf W-Fragen des Notrufs.”
- “Ein zweijähriges Kind verschluckt sich an einer Weintraube und hustet nicht mehr. Beschreiben Sie Ihr Vorgehen.”
- “Nennen Sie drei Unfallschwerpunkte in der Kita und je eine vorbeugende Maßnahme.”
- “Erklären Sie den Unterschied zwischen Risiko und Gefahr am Beispiel eines Klettergerüsts.”
- “Welche Vorgaben macht die DGUV zur Ausbildung von Ersthelfern in Kitas?”
Worauf du achten solltest:
- Schreibe die Notfallkette in der richtigen Reihenfolge hin, bevor du in Einzelmaßnahmen gehst.
- Merke dir die Reanimationszahlen: 5 initiale Beatmungen, danach 15 zu 2, Frequenz 100 bis 120, Drucktiefe etwa ein Drittel.
- Unterscheide beim Verschlucken sauber nach Alter und nenne die beiden Verbote: kein Heimlich beim Säugling, kein blindes Auswischen.
- Nenne bei Verbrennungen immer die Unterscheidung kleinflächig gegen großflächig, sonst wirkt die Antwort halb.
- Zitiere § 26 DGUV Vorschrift 1 mit den konkreten Zahlen und vergiss Verbandbuch und Unfallanzeige nicht.
Im kostenlosen Lernpfad
Diese Inhalte sind auch Teil des kostenlosen Lernpfads: Lektion 7.4: Erste Hilfe am Kind und Unfallprävention.
Quellen
- § 26 DGUV Vorschrift 1 (Grundsätze der Prävention): Zahl der Ersthelfer in Kinderbetreuungseinrichtungen
- DGUV Information 202-089: Erste Hilfe in Kindertageseinrichtungen
- European Resuscitation Council (ERC): Leitlinien zur Reanimation, Kapitel Kinderreanimation
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Lehrgang Erste-Hilfe-Fortbildung in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder
- Bildungsplan Kinderpflege und Sozialassistenz Nordrhein-Westfalen: Lernfeld Unfallprävention und Erste Hilfe im Fach Gesundheitsförderung und Pflege
Wissen anwenden statt nur lesen
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Häufige Fragen
Wie läuft die Wiederbelebung beim Kind ab?
Nach den Leitlinien des European Resuscitation Council beginnst du beim Kind mit fünf initialen Beatmungen und arbeitest danach im Verhältnis 15 Thoraxkompressionen zu 2 Beatmungen. Wer nicht in der Kinderreanimation geschult ist, darf 30 zu 2 arbeiten. Die Frequenz liegt bei 100 bis 120 Kompressionen pro Minute, die Drucktiefe bei etwa einem Drittel des Brustkorbdurchmessers.
Wie viele Ersthelfer muss eine Kita haben?
Nach § 26 der DGUV Vorschrift 1 muss der Träger genügend ausgebildete Ersthelfer sicherstellen. Für Kinderbetreuungseinrichtungen gilt mindestens eine ersthelfende Person je Kindergartengruppe und mindestens zwei je Einrichtung.
Wie oft muss der Erste-Hilfe-Kurs aufgefrischt werden?
Alle zwei Jahre. Der passende Lehrgang heißt Erste-Hilfe-Fortbildung in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder, umfasst neun Unterrichtseinheiten zu je 45 Minuten und behandelt gezielt Maßnahmen am Kind.
Darf ich beim Säugling den Heimlich-Handgriff anwenden?
Nein. Bei Säuglingen unter einem Jahr sind Oberbauchkompressionen tabu, weil innere Organe verletzt werden können. Dort gelten fünf Schläge zwischen die Schulterblätter und, wenn das nicht hilft, fünf Brustkompressionen im Wechsel.
Wie kühlt man eine Verbrühung richtig?
Nur kleinflächige Stellen werden etwa zehn bis zwanzig Minuten mit handwarmem bis lauwarmem Wasser gekühlt, niemals mit Eis. Bei großflächigen Verbrennungen wird nicht gekühlt, weil Kinder auskühlen. Dort wird keimfrei abgedeckt und sofort der Notruf abgesetzt. Festklebende Kleidung bleibt liegen.
Was muss nach einem Unfall dokumentiert werden?
Jede Erste-Hilfe-Leistung gehört ins Verbandbuch mit Datum, Uhrzeit, Hergang, Verletzung, Maßnahme sowie den Namen von verletzter Person und Ersthelfer. Wird ärztliche Hilfe in Anspruch genommen, sendet der Träger zusätzlich eine Unfallanzeige an die zuständige Unfallkasse.