Wickeln, Händewaschen, Anziehen, Zubettbringen: Pflege wirkt im Kita-Alltag wie eine Nebentätigkeit, die möglichst schnell erledigt werden soll. Emmi Pikler hat gezeigt, dass genau das Gegenteil richtig ist. Die Pflege ist die dichteste Beziehungssituation des ganzen Tages, weil hier Nähe, Körperkontakt und ungeteilte Aufmerksamkeit zusammenkommen. Die beziehungsvolle Pflege nach Pikler ist deshalb kein nettes Extra, sondern Prüfungsstoff: In Ländern mit dem Prüfungsfach Gesundheitsförderung und Pflege oder mit einem Lernfeld zur Assistenz bei Unterstützung und Pflege tauchen Pflegesituationen fast in jeder Klausur auf, meistens als Fallaufgabe.
Definition – Beziehungsvolle Pflege: Beziehungsvolle Pflege bezeichnet eine Pflegesituation, die als Eins-zu-eins-Situation mit voller Aufmerksamkeit gestaltet wird. Jeder Handgriff wird sprachlich angekündigt, die Reaktion des Kindes wird abgewartet und das Kind wird aktiv beteiligt. Aus einer Handlung am Kind wird eine Handlung mit dem Kind. (nach Emmi Pikler)
Wer war Emmi Pikler?
Emmi Pikler (1902–1984) war eine ungarische Kinderärztin. Ab 1946 leitete sie das Säuglingsheim in der Budapester Loczy-Straße. Dort machte sie eine Beobachtung, die ihre gesamte Arbeit prägte: Die Säuglinge waren satt und sauber, aber emotional unterversorgt. Aus dieser Erkenntnis entwickelte sie einen Ansatz, der bis heute die Krippenpädagogik bestimmt.
Er ruht auf drei Säulen. Die freie Bewegungsentwicklung bedeutet, dass ein Kind jede Bewegungsstufe in seinem eigenen Tempo erreicht. Es wird nicht hingesetzt, bevor es sich selbst setzen kann, und es wird nicht an den Händen laufen geführt. Das freie Spiel bedeutet, dass die Erwachsenen die Umgebung vorbereiten, statt das Spiel zu lenken. Und die beziehungsvolle Pflege macht aus der Routine eine Begegnung.
Pikler nannte das den Dialog beim Wickeln. Der Gedanke dahinter ist verblüffend praktisch: Ein Kind, das weiß, was als Nächstes passiert, muss sich nicht wehren.
Die vier Prinzipien
| Prinzip | Was es bedeutet | Beispiel am Wickeltisch | Häufiger Fehler |
|---|---|---|---|
| Ankündigen | Jeden Handgriff sprachlich vorwegnehmen, bevor du das Kind berührst | ”Ich hebe dich jetzt hoch.” “Gleich mache ich den Body auf.” | Das Kind von hinten greifen und wortlos hochheben |
| Zeit lassen | Pausen aushalten, auf die Reaktion warten, nicht hetzen | Nach der Ankündigung kurz warten, bis das Kind den Blick hebt | Im Tempo der Erwachsenen durchziehen |
| Beteiligen | Das Kind zum Mitwirkenden machen, nicht zum Objekt | ”Kannst du mir dein Bein geben?” “Hältst du mir die Windel?” | Alles selbst und schneller erledigen |
| Zuwenden | Blickkontakt halten, ungeteilte Aufmerksamkeit geben | Sich ganz dem Kind zuwenden, das Gespräch mit Kolleginnen ruhen lassen | Über den Wickeltisch hinweg Dienstliches klären |
Für die Prüfung reicht die Merkkette Ankündigen, Zeit lassen, Beteiligen, Zuwenden. Wenn du zu jedem Begriff einen konkreten Satz aus dem Kita-Alltag schreibst, hast du den Kern des Ansatzes abgedeckt.
Der häufigste Einwand lautet, dafür sei im Alltag keine Zeit. Das stimmt so nicht. Ein angekündigter Wickelvorgang dauert oft kürzer als einer gegen den Widerstand eines strampelnden Kindes. Zeit geht nicht durch Zuwendung verloren, sondern durch Gegenwehr, Tränen und das Trösten danach.
Wickeln: Beziehung und Hygiene zusammendenken
Wickeln ist der Klassiker unter den Prüfungsaufgaben, weil sich hier Beziehung, Hygiene, Sicherheit und Beobachtung verbinden lassen. Der Ablauf folgt immer derselben Kette: alles bereitlegen, dem Kind ankündigen und es holen, Hände waschen und bei Bedarf Handschuhe anziehen, im Dialog wickeln, die Wickelfläche desinfizieren, Hände waschen und dokumentieren.
Hygienisch gilt die Richtung von schmutzig nach sauber, also von vorne nach hinten reinigen, damit keine Darmkeime in den Harnwegsbereich gelangen. Bei Mädchen ist diese Regel besonders wichtig. Die gebrauchte Windel wird zusammengerollt in einen Windeleimer mit Deckel gegeben, die Wickelauflage nach jedem Kind gereinigt und desinfiziert. Direkter Hautkontakt zur Auflage ohne Unterlage wird vermieden, in vielen Einrichtungen liegt für jedes Kind eine eigene Unterlage bereit.
Sicherheit geht dabei immer vor Bequemlichkeit. Ein Kind auf dem Wickeltisch wird niemals allein gelassen, auch nicht für zwei Sekunden. Fehlt etwas, nimmst du das Kind mit oder rufst um Hilfe. Stürze vom Wickeltisch gehören zu den schwersten Unfällen im Krippenalltag. Ab etwa zwei Jahren steigen viele Kinder über eine Treppe selbst hoch, das schont deinen Rücken und stärkt gleichzeitig die Selbstwirksamkeit des Kindes.
Warum Pflege ein Bildungsort ist
In den Bildungsplänen der Länder taucht Pflege nicht nur unter Gesundheit auf, sondern auch unter Körper, Sprache und Selbstwirksamkeit. Beim Wickeln erlebt ein Kind seinen eigenen Körper, lernt Körperteile zu benennen, erfährt, dass seine Signale beantwortet werden, und übt bei jedem selbst hochgezogenen Strumpf ein Stück Selbstständigkeit.
Wenn du in der Prüfung begründen sollst, warum Pflege pädagogisch wertvoll ist, nenne genau diese vier Ebenen: Beziehung, Körperwahrnehmung, Sprache und Autonomie. Damit hebst du dich deutlich von Antworten ab, die nur über Sauberkeit sprechen. Pflegesituationen sind übrigens auch dichte Sprachanlässe: Körperteile benennen, Kleidungsstücke benennen, kleine Verse einbauen. Sprachförderung passiert hier ganz nebenbei und sehr intensiv.
Sauberkeitsentwicklung statt Sauberkeitserziehung
Fachlich spricht man heute von Sauberkeitsentwicklung oder Sauberkeitsautonomie. Der Grund ist entwicklungsphysiologisch: Bis etwa zum 18. Lebensmonat können Kinder Blase und Darm gar nicht willentlich kontrollieren, weil die Nervenbahnen und die Ringmuskeln noch nicht ausgereift sind. Kein Training beschleunigt diese Reifung.
Erste Reifezeichen zeigen sich meist zwischen dem 18. und dem 30. Lebensmonat: Das Kind spürt die volle Blase, kündigt sie an, zieht sich zum Ausscheiden zurück, will die Windel abhaben oder interessiert sich für die Toilette. In der Regel gelingt die Darmkontrolle vor der Blasenkontrolle und die Kontrolle tagsüber vor der nachts.
Genau deshalb ist eine einzelne Prozentzahl für “trocken und sauber” fachlich unsauber: Darmkontrolle, Trockenheit am Tag und Trockenheit in der Nacht sind drei Schritte mit drei verschiedenen Zeitplänen, und die Fachliteratur führt sie getrennt. Was du dir stattdessen merken kannst, sind die Auffälligkeitsgrenzen: Einnässen gilt erst ab dem vollendeten fünften Lebensjahr als auffällig, Einkoten ab dem vierten. Mit fünf Jahren nässt noch rund jedes zehnte Kind ein, mit zehn Jahren etwa jedes zwanzigste. Einnässen bis zum Schulalter ist also noch kein Krankheitszeichen.
Für die Praxis heißt das: Die Toilette steht offen und ist gut erreichbar, Kinder dürfen jederzeit mitgehen und zuschauen, wer signalisiert dass er möchte, wird begleitet. Ein Missgeschick wird beiläufig und ohne Publikum versorgt. Was dagegen nicht funktioniert, ist das gemeinsame Töpfchensitzen nach dem Mittagessen mit Stickern für die Trockenen und öffentlichem Umziehen für die anderen.
Hier lauert eine verbreitete Prüfungsfalle. Wird nach dem Umgang mit einem dreijährigen Kind gefragt, das noch Windeln trägt, schreiben viele Prüflinge einen Trainingsplan. Das ist fachlich falsch. Erwartet wird: Reifung abwarten, Signale beobachten, Druck vermeiden, keine Vergleiche mit anderen Kindern ziehen und die Beobachtungen mit der Fachkraft besprechen, die dann das Elterngespräch führt.
Praxisbeispiel
Ida ist 15 Monate alt und sitzt konzentriert vor einer Kiste mit Holzringen, als du bemerkst, dass ihre Windel voll ist. Statt sie hochzunehmen, gehst du in die Hocke, sprichst sie mit Namen an und sagst ihr, dass ihr gleich zum Wickeln geht. Dann wartest du. Ida stapelt noch einen Ring auf, schaut hoch und streckt dir die Arme entgegen.
Am Wickeltisch liegt alles bereit, weil du vorher vorbereitet hast. Du kündigst jeden Schritt an, bevor du ihn ausführst, und bittest Ida, dir ihr Bein zu geben. Du reinigst von vorne nach hinten, benennst dabei Bauch, Knie und Fuß und hältst Blickkontakt, auch als eine Kollegin von der Tür aus etwas fragt. Ihr antwortest du erst, als Ida wieder angezogen ist.
Danach desinfizierst du die Wickelauflage, wäschst dir die Hände und notierst sachlich, was dir aufgefallen ist: eine handtellergroße Rötung im Windelbereich, seit heute. Eine Deutung wie Windelsoor schreibst du nicht auf, sondern gibst die Beobachtung an die Fachkraft weiter. Ida hat nicht geweint, und der ganze Vorgang hat weniger Zeit gekostet als am Vortag, als sie sich gegen das Wickeln gewehrt hat.
Das musst du für die Prüfung wissen
Typische Aufgabenstellungen sind:
- “Erklären Sie den Begriff beziehungsvolle Pflege nach Emmi Pikler an einem Beispiel.”
- “Beschreiben Sie den hygienisch korrekten Ablauf des Wickelns und begründen Sie drei Schritte.”
- “Ein Kind von drei Jahren trägt noch Windeln. Die Mutter möchte, dass Sie es täglich auf das Töpfchen setzen. Wie reagieren Sie?”
- “Begründen Sie, warum Pflegesituationen auch Bildungssituationen sind.”
Worauf du achten solltest:
- Nenne die vier Prinzipien vollständig und formuliere zu jedem einen konkreten Satz, den du am Wickeltisch sagen würdest.
- Verbinde Beziehung und Hygiene in einer Antwort: von vorne nach hinten reinigen, Auflage nach jedem Kind desinfizieren, Kind nie allein lassen.
- Begründe den pädagogischen Wert über die vier Ebenen Beziehung, Körperwahrnehmung, Sprache und Autonomie.
- Schreibe bei der Sauberkeit niemals einen Trainingsplan, sondern argumentiere über Reifung, Beobachtung und Druckfreiheit.
- Grenze deine Rolle ab: Du setzt die vereinbarte Praxis zuverlässig um und gibst Beobachtungen weiter. Das Elterngespräch über heikle Themen und die Dokumentationsverantwortung liegen bei der Fachkraft.
Im kostenlosen Lernpfad
Im kostenlosen Lernpfad findest du Pikler kompakt in Lektion 7.1: Pflege des Kindes.
Quellen
- Pikler, E. (1902 bis 1984): beziehungsvolle Pflege, freie Bewegungsentwicklung und freies Spiel, Säuglingsheim Loczy in Budapest ab 1946
- Bildungspläne der Bundesländer für Kindertageseinrichtungen: Bildungsbereiche Körper, Gesundheit, Sprache und Selbstwirksamkeit
- Bildungsplan Kinderpflege und Sozialassistenz Nordrhein-Westfalen, 2016: Fach Gesundheitsförderung und Pflege
- Rahmenlehrplan Sozialassistenz Berlin (LISUM), 2011: Lernfeld 2 Bei der Unterstützung und Pflege von Menschen assistieren
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG, vormals BZgA): Trocken- und Sauberwerden sowie Probleme mit dem Trocken- und Sauberwerden, kindergesundheit-info.de, Stand 01/2026: Auffälligkeitsgrenzen und Häufigkeit des Einnässens
- AWMF-S2k-Leitlinie 028-026 “Enuresis und nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz bei Kindern und Jugendlichen”, Stand 31.05.2021, gültig bis 30.05.2026: Diagnose der Enuresis erst ab dem vollendeten fünften Lebensjahr
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Häufige Fragen
Was bedeutet beziehungsvolle Pflege nach Emmi Pikler?
Beziehungsvolle Pflege macht aus der Pflegesituation eine Eins-zu-eins-Situation mit voller Aufmerksamkeit. Die erwachsene Person kündigt jeden Handgriff sprachlich an, wartet auf die Reaktion des Kindes und bezieht es aktiv ein. Aus einer Handlung am Kind wird so eine Handlung mit dem Kind.
Welche vier Prinzipien der beziehungsvollen Pflege muss ich kennen?
Ankündigen, Zeit lassen, Beteiligen und Zuwenden. Wer diese vier Begriffe in einer Fallaufgabe zum Wickeln nennt und je ein Beispiel dazu schreibt, hat den Kern der Pikler-Pädagogik abgedeckt.
Welche drei Säulen hat der Pikler-Ansatz?
Freie Bewegungsentwicklung, freies Spiel und beziehungsvolle Pflege. Bei der freien Bewegungsentwicklung erreicht das Kind jede Bewegungsstufe im eigenen Tempo, es wird nicht hingesetzt und nicht an den Händen laufen geführt.
Ab wann können Kinder überhaupt trocken werden?
Bis etwa zum 18. Lebensmonat können Kinder Blase und Darm entwicklungsbedingt nicht willentlich kontrollieren, weil Nervenbahnen und Ringmuskeln noch nicht ausgereift sind. Erste Reifezeichen zeigen sich meist zwischen dem 18. und dem 30. Lebensmonat. Kein Training beschleunigt diese Reifung.
Warum spricht man von Sauberkeitsentwicklung statt von Sauberkeitserziehung?
Weil das Trockenwerden zuerst ein Reifungsprozess ist und keine Erziehungsleistung. In der Regel gelingt die Darmkontrolle vor der Blasenkontrolle und die Kontrolle tagsüber vor der nachts. Eine einzelne Prozentzahl für trocken und sauber gibt es deshalb nicht. Fachlich gilt Einnässen erst ab dem vollendeten fünften Lebensjahr als auffällig, Einkoten ab dem vierten.
Warum gilt Pflege als Bildungssituation?
Weil das Kind dabei auf vier Ebenen lernt: Beziehung, Körperwahrnehmung, Sprache und Autonomie. Es erlebt seinen Körper, lernt Körperteile zu benennen, erfährt dass seine Signale beantwortet werden und übt bei jedem selbst hochgezogenen Strumpf ein Stück Selbstständigkeit.