Partizipation in der Kita wird in Prüfungen gern als weiche Methodenfrage unterschätzt und dann falsch beantwortet. Erwartet wird nämlich zuerst eine Begründung als Recht und als Haltung und erst danach eine Aufzählung von Methoden. Wer sofort mit Kinderkonferenz und Abstimmung anfängt, greift zu kurz. Für dich in der Assistenzrolle ist das Thema besonders wichtig, weil Beteiligung sich nicht in Gremien entscheidet, sondern in den vielen kleinen Situationen an der Garderobe, am Esstisch und beim Wickeln, also genau dort, wo du arbeitest.
Definition – Partizipation: Partizipation ist die Beteiligung und Mitbestimmung von Kindern an allen Entscheidungen, die sie betreffen. Sie ist ein Kinderrecht (Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention, § 8 SGB VIII) und zugleich ein Qualitätsmerkmal pädagogischer Arbeit.
Die rechtliche Grundlage
Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention sichert jedem Kind zu, seine Meinung in allen es berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und verpflichtet Erwachsene, diese Meinung entsprechend Alter und Reife zu berücksichtigen. Im deutschen Recht findet sich die Beteiligung in § 8 SGB VIII.
Seit der Reform durch das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz im Jahr 2021 kommt eine praktisch sehr wirksame Vorschrift hinzu: Einrichtungen müssen geeignete Verfahren der Beteiligung und der Beschwerde vorhalten, um eine Betriebserlaubnis zu erhalten (§ 45 SGB VIII). Beteiligung ist damit keine Frage des pädagogischen Geschmacks mehr, sondern Voraussetzung für den Betrieb.
Pädagogisch ist Partizipation die praktische Form der Demokratiebildung. Kinder lernen Demokratie nicht durch Belehrung, sondern indem sie täglich erleben, dass ihre Stimme zählt. Der polnische Arzt und Pädagoge Janusz Korczak hat das auf die Formel gebracht, Kinder würden nicht erst zu Menschen, sie seien bereits welche.
Beteiligung wirkt dabei auf mehreren Ebenen. Kinder, die regelmäßig mitentscheiden, erleben sich als wirksam, sie üben Sprache und Aushandeln, sie lernen, Mehrheiten zu akzeptieren, und sie entwickeln ein Gefühl dafür, dass Nein sagen erlaubt ist. Der letzte Punkt ist zugleich Prävention: Kinder, die gewohnt sind, dass ihre Grenzen respektiert werden, können Übergriffe eher benennen.
Die fünf Stufen der Beteiligung
Beteiligung ist kein Alles-oder-nichts. Ein gängiges Stufenmodell unterscheidet fünf Grade, die im Grad der tatsächlichen Entscheidungsmacht steigen.
| Stufe | Bedeutung | Beispiel aus dem Alltag |
|---|---|---|
| 1. Informieren | Die Kinder erfahren, was geschieht | ”Morgen gehen wir in den Wald.” |
| 2. Anhören | Die Kinder werden nach ihrer Meinung gefragt | ”Wohin möchtet ihr am liebsten?“ |
| 3. Einbeziehen | Die Meinungen fließen in die Entscheidung ein | Es wird über zwei Ausflugsziele abgestimmt |
| 4. Mitbestimmen | Kinder entscheiden gleichberechtigt mit | Kinder und Erwachsene planen das Sommerfest zusammen |
| 5. Selbstbestimmen | Die Kinder entscheiden eigenständig | Im Freispiel wählen sie Ort, Material und Spielpartner selbst |
Keine Stufe ist grundsätzlich besser als die anderen. Entscheidend ist, dass die Fachkraft bewusst festlegt, auf welcher Stufe ein Thema beteiligt wird, und dass diese Entscheidung für die Kinder transparent ist. Bei der Frage, ob im Winter Jacken getragen werden, informierst du. Bei der Frage, welches Lied im Morgenkreis gesungen wird, kannst du selbstbestimmen lassen.
Scheinbeteiligung vermeiden
Gefährlich ist die Scheinpartizipation. Kinder werden gefragt, ihre Antwort bleibt aber folgenlos.
So läuft es falsch: “Wollt ihr lieber basteln oder rausgehen?” Die Kinder rufen “Rausgehen!”, die Antwort lautet: “Dafür ist es heute zu nass, wir basteln.”
So läuft es richtig: “Heute können wir drinnen basteln oder in Matschsachen auf den Hof. Was möchtet ihr?” Beide Möglichkeiten sind umsetzbar, das Ergebnis wird eingehalten.
Die Regel dahinter ist die wichtigste Faustregel des ganzen Themas: Prüfe vor jeder Frage, ob du jedes mögliche Ergebnis mittragen kannst. Wenn nicht, stelle nur tragbare Auswahlmöglichkeiten zur Wahl oder informiere ehrlich, statt zu fragen.
Die Grenzen der Partizipation
Partizipation endet dort, wo Sicherheit, Gesundheit oder die Rechte anderer berührt sind. Kinder stimmen nicht darüber ab, ob angeschnallt wird, ob die Straße bei Rot überquert wird oder ob ein Kind von der Geburtstagsfeier ausgeschlossen wird. Demokratie bedeutet eben nicht nur, dass die Mehrheit entscheidet, sondern auch, dass Minderheiten geschützt werden.
Genauso falsch ist die umgekehrte Deutung: Partizipation heißt nicht, dass Kinder alles selbst entscheiden und Erwachsene ihre Verantwortung abgeben. Partizipation ist abgestufte, verantwortete Machtteilung. Kindern Entscheidungen zu überlassen, deren Tragweite sie nicht überblicken, ist keine Beteiligung, sondern Überforderung.
Praxisbeispiel: Acht gegen Luis
In der Kinderkonferenz schlägt ein Kind vor, dass Luis (5 Jahre) nicht zur Geburtstagsfeier kommen darf, weil er “immer alles kaputt macht”. Acht von zwölf Kindern heben die Hand. Luis weint. Die Fachkraft unterbricht die Abstimmung: “In unserer Kita hat jedes Kind das Recht, dabei zu sein. Aber lasst uns überlegen, was wir tun können, damit die Feier für alle schön wird.”
Der Abbruch war richtig, weil hier die Rechte eines einzelnen Kindes zur Abstimmung gestellt wurden. Über Zugehörigkeit wird nicht abgestimmt. Hätte die Fachkraft die Mehrheit entscheiden lassen, hätte die Gruppe gelernt, dass Ausschluss ein legitimes Mittel ist, und Luis hätte eine Erfahrung gemacht, die kaum wiedergutzumachen ist.
Der eigentliche Fehler lag aber früher, nämlich in der Fragestellung. Die Frage hätte von vornherein anders gestellt werden müssen, etwa: “Was brauchen wir, damit die Feier für alle schön wird?” Damit bleibt das Thema in der Beteiligung, ohne dass ein Kinderrecht zur Disposition steht. Genau diese Umformulierung ist in Prüfungsantworten der Punkt, der die volle Bewertung bringt.
Adultismus erkennen
Adultismus bezeichnet die strukturelle Machtungleichheit zwischen Erwachsenen und Kindern und die damit verbundene Herabsetzung. Er ist so schwer zu bemerken, weil er im Alltag als normal gilt. Typische Beispiele:
- Kinder beim Sprechen unterbrechen, während man Erwachsene aussprechen lässt
- In Anwesenheit des Kindes über es in der dritten Person sprechen
- Körperkontakt ohne Ankündigung und ohne Einwilligung
- Gefühle herunterspielen: “Das tut doch gar nicht weh.”
- Entscheidungen treffen, ohne die Betroffenen zu fragen
Ein einfacher Prüfstein für dein eigenes Verhalten lautet: Würde ich das auch so mit einer erwachsenen Person machen? Adultismuskritik nimmt dir dabei nicht deine Verantwortung ab, sie fordert nur, sie respektvoll auszuüben.
Ein Alltagsbeispiel: Die Praktikantin sagt quer über den Tisch zur Erzieherin: “Der Jonas isst heute wieder nichts, der ist so ein schlechter Esser”, während der dreijährige Jonas danebensitzt. Kurz darauf schiebt sie ihm ohne Nachfrage einen Löffel Gemüse Richtung Mund. Hier zeigen sich zwei adultistische Muster: über das Kind statt mit ihm sprechen und körperliche Grenzen übergehen. Respektvoll wäre, Jonas direkt anzusprechen (“Magst du noch etwas, oder bist du satt?”) und seine Antwort zu akzeptieren.
Beteiligung bei den Kleinsten und im Beschwerdeverfahren
Partizipation beginnt nicht erst mit der Kinderkonferenz. Bei Kindern unter drei Jahren heißt sie vor allem: Signale wahrnehmen und ernst nehmen. Möchte das Kind noch essen? Will es hochgenommen werden? Braucht es Ruhe? Beteiligung zeigt sich hier im Tempo, im Fragen und im Abwarten. Für Kinder mit wenig Sprache eignen sich Bildkarten, Klebepunkte und Fotoabstimmungen.
Die zweite Säule sind Beschwerdeverfahren, seit 2021 Voraussetzung für die Betriebserlaubnis. In der Praxis sieht das je nach Alter sehr unterschiedlich aus: ein Beschwerdebriefkasten mit Symbolkarten, eine feste Vertrauensperson, eine regelmäßige Kinderkonferenz oder eine Gefühlsrunde im Morgenkreis. Entscheidend ist nicht die Form, sondern dass die Kinder wissen, wohin sie sich wenden können, und dass jede Beschwerde eine erkennbare Reaktion nach sich zieht.
Das musst du für die Prüfung wissen
Typische Aufgabenstellungen lauten: “Erläutern Sie, warum Partizipation ein Kinderrecht ist, und nennen Sie die rechtlichen Grundlagen”, “Beschreiben Sie die Stufen der Beteiligung und ordnen Sie die Situation im Fallbeispiel einer Stufe zu” oder “Nennen Sie drei Beispiele für Adultismus im Kita-Alltag und je eine respektvolle Alternative”.
Darauf solltest du achten:
- Beginne mit Recht und Haltung, nenne Methoden erst danach. Diese Reihenfolge wird ausdrücklich erwartet.
- Nenne die Rechtsgrundlagen konkret: Artikel 12 UN-Kinderrechtskonvention, § 8 SGB VIII, seit 2021 Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren nach § 45 SGB VIII.
- Erkläre Scheinpartizipation nicht nur, sondern begründe, warum sie schädlicher ist als keine Beteiligung.
- Nenne bei den Grenzen immer drei Bereiche: Sicherheit, Gesundheit und die Rechte anderer.
- Aus der Assistenzperspektive: Die Beteiligungsverfahren legt das Team in der Konzeption fest, du setzt sie im Alltag um. Nutze echte Wahlmöglichkeiten (welcher Becher, welches Lied, welcher Platz, wie viel auf dem Teller), mache Ergebnisse sichtbar (“Ihr habt entschieden, dass wir heute den langen Weg gehen”) und sprich mit Kindern, nicht über sie.
Im kostenlosen Lernpfad
Im kostenlosen Lernpfad findest du das Thema zusammen mit der Beziehungsgestaltung: Lektion 4.2: Beziehungsgestaltung und Partizipation im Alltag.
Quellen
- Artikel 12 UN-Kinderrechtskonvention
- § 8 Sozialgesetzbuch VIII (SGB VIII): Beteiligung von Kindern und Jugendlichen
- § 45 Sozialgesetzbuch VIII (SGB VIII): Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren als Voraussetzung der Betriebserlaubnis
- Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG), 2021
- Korczak, J.: Verständnis vom Kind als Träger eigener Rechte
Wissen anwenden statt nur lesen
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Häufige Fragen
Was bedeutet Partizipation in der Kita?
Partizipation ist die Beteiligung und Mitbestimmung von Kindern an allen Entscheidungen, die sie betreffen. Sie ist kein pädagogisches Extra, sondern ein Kinderrecht nach Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention und § 8 SGB VIII.
Welche Stufen der Beteiligung gibt es?
Ein gängiges Modell unterscheidet fünf Stufen: Informieren, Anhören, Einbeziehen, Mitbestimmen und Selbstbestimmen. Sie steigen im Grad der Entscheidungsmacht, die Kinder tatsächlich haben.
Was ist Scheinpartizipation?
Kinder werden gefragt, ihre Antwort bleibt aber folgenlos. Das ist schädlicher als gar keine Beteiligung, weil die Kinder lernen, dass ihre Stimme nichts bewirkt. Frage deshalb nur, was du auch umsetzen kannst.
Wo liegen die Grenzen der Partizipation?
Bei Sicherheit, Gesundheit und den Rechten anderer. Kinder stimmen nicht darüber ab, ob angeschnallt wird oder ob ein Kind von einer Feier ausgeschlossen wird. Demokratie heißt auch, Minderheiten zu schützen.
Was ist Adultismus?
Adultismus bezeichnet die strukturelle Machtungleichheit zwischen Erwachsenen und Kindern und die damit verbundene Herabsetzung, etwa Kinder zu unterbrechen oder in ihrer Anwesenheit über sie zu sprechen. Prüfstein: Würde ich das auch so mit einer erwachsenen Person machen?
Wie beteiligt man Kinder unter drei Jahren?
Über Signale statt Abstimmungen. Beteiligung zeigt sich im Fragen, im Abwarten und im Tempo: Möchte das Kind noch essen, will es hochgenommen werden, braucht es Ruhe? Für Kinder mit wenig Sprache eignen sich Bildkarten, Klebepunkte und Fotoabstimmungen.