Erziehung & Beziehung

Konflikte unter Kindern lösen: fünf Schritte für die Kita

Konflikte unter Kindern lösen: die fünf Schritte der Konfliktbegleitung, wann du eingreifen musst und Regeln, die im Kita-Alltag wirklich tragen.

Aktualisiert: August 2026

In der Kita erlebt ein Kind zum ersten Mal, wie es ist, einer von vielen zu sein. Es muss teilen, warten, sich durchsetzen und nachgeben. Was Erwachsenen wie ständiges Chaos vorkommt, ist aus pädagogischer Sicht ein hochwirksamer Lernraum. Konflikte unter Kindern zu lösen heißt deshalb nicht, sie abzuschaffen, sondern sie so zu begleiten, dass Kinder daran wachsen. Genau diese Unterscheidung wird in Prüfungen abgefragt.

Definition – Konflikt: Ein Konflikt ist das Aufeinandertreffen unvereinbarer Interessen, Bedürfnisse oder Ziele. Unter Kindern ist er ein normaler und entwicklungsfördernder Vorgang, in dem sie lernen, eigene Interessen zu vertreten, Kompromisse auszuhandeln und die Sicht anderer zu verstehen.

Konflikte sind kein Zeichen schlechter Arbeit

Ein hartnäckiger Mythos lautet: In einer gut geführten Gruppe gibt es kaum Streit, viele Konflikte zeigen, dass die Fachkräfte die Gruppe nicht im Griff haben. Fachlich ist das Gegenteil richtig. Kinder, die nie streiten dürfen, verpassen zentrale Lerngelegenheiten: verhandeln, Grenzen setzen, sich versöhnen. Qualitätsmerkmal ist nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern deren kompetente Begleitung.

Diese Einordnung passt auch zur Gruppenentwicklung nach Bruce Tuckman. Auf die Orientierungsphase (Forming) folgt regelmäßig die Konfliktphase (Storming), in der Rollen ausgehandelt werden. Erst danach entstehen gemeinsame Regeln (Norming). Wer Konflikte in der Storming-Phase unterdrückt, verhindert, dass die Gruppe überhaupt zu tragfähigen Regeln findet. Nach den Sommerferien oder nach dem Wechsel mehrerer Kinder fällt eine Gruppe in frühere Phasen zurück, auch das ist normal.

Konfliktfähigkeit entwickelt sich stufenweise

AlterTypisches KonfliktverhaltenWas du tust
1 bis 2 JahreÜberwiegend körperlich: greifen, schubsen, beißen, weil die Sprache fehltSofort stoppen, Gefühl benennen, Worte anbieten, Material doppelt bereithalten
3 bis 4 JahreErste sprachliche Auseinandersetzung, aber viel Unterstützung nötigModerieren, Formulierungen vorsprechen, sichtbare Hilfen wie Sanduhr einsetzen
ab 5 JahrenEinfache Einigungen gelingen zunehmend selbstständigZeit lassen, aus der Nähe beobachten, nur bei Bedarf einsteigen

Diese Tabelle ist in Fallaufgaben sehr nützlich: Wenn im Text steht, dass ein Zweijähriges gebissen hat, ist die richtige Antwort nicht Ermahnung, sondern Sprachersatz und Bedingungen prüfen.

Die fünf Schritte der Konfliktbegleitung

Das Grundgerüst für die schriftliche wie die praktische Prüfung sind diese fünf Schritte:

  1. Stopp. Du unterbrichst die Situation und stellst Ruhe her. Bei körperlicher Gewalt geht das vor allem anderen: erst stoppen, dann verstehen.
  2. Zuhören. Jedes Kind erzählt nacheinander, was passiert ist. Nacheinander ist wichtig, sonst überlagern sich die Darstellungen.
  3. Gefühle benennen. Du sprichst aus, was du wahrnimmst: “Du warst wütend, weil du die Steine brauchtest.” Damit bekommen Kinder Wörter für das, was in ihnen vorgeht.
  4. Lösungen sammeln. Ihr sucht gemeinsam Ideen. Die Ideen kommen von den Kindern, nicht von dir.
  5. Vereinbarung treffen. Die Kinder einigen sich auf eine Lösung, du sicherst sie ab und fragst später nach, ob sie funktioniert hat.

Der Grundsatz, der über allen fünf Schritten steht, heißt Allparteilichkeit: Du ergreifst nicht Partei, sondern zeigst beiden Seiten Verständnis. Die Frage “Wer hat angefangen?” führt fast nie weiter, weil sie zu einer Schuldsuche wird, an deren Ende ein Kind als Täter dasteht. Hilfreicher ist: “Was braucht ihr beide jetzt?”

Zwei Fehler kosten in Prüfungen regelmäßig Punkte. Der erste ist die vorgegebene Lösung (“Ich würde sagen, dass sie sich abwechseln sollen”). Erwartet wird, dass die Kinder selbst Ideen entwickeln und du moderierst. Der zweite ist die erzwungene Entschuldigung. Ein aufgezwungenes “Entschuldigung” beendet den Lernprozess, statt ihn zu ermöglichen. Sinnvoller ist die Frage, was das Kind jetzt tun kann, damit es dem anderen besser geht.

Wann du eingreifen musst

Nicht jeder Streit braucht sofort eine erwachsene Person. Viele Konflikte lösen Kinder selbst, wenn man ihnen einige Sekunden lässt. Eingreifen musst du in vier Fällen:

  • Es droht oder geschieht körperliche Gewalt.
  • Es besteht ein deutliches Machtungleichgewicht, etwa nach Alter oder Kräfteverhältnis.
  • Ein Kind ist sichtbar überfordert und kommt allein nicht heraus.
  • Es fallen abwertende oder diskriminierende Äußerungen.

Merke dir diese vier Punkte als Liste, sie werden in genau dieser Form abgefragt. Bei aggressivem Verhalten gilt: erst stoppen, dann verstehen. Hinter Schlagen und Beißen stecken meist Frustration, fehlende Sprache oder Überforderung. Du benennst das Gefühl, zeigst eine Alternative und begleitest das Kind, statt es zu beschämen.

Praxisbeispiel: Streit um die Bauklötze

Mert (4;3) und Lina (4;8) bauen nebeneinander. Mert nimmt Lina zwei lange Bauklötze weg, Lina schreit und schiebt seinen Turm um. Beide weinen.

So sieht die Begleitung in fünf Schritten aus. Stopp: Die Assistenzkraft geht dazu, in die Hocke, legt die Hand auf den Bauteppich: “Stopp. Ich sehe, ihr seid beide wütend.” Zuhören: “Mert, was ist passiert?” Danach: “Lina, jetzt du.” Jedes Kind kommt zu Ende, ohne unterbrochen zu werden. Gefühle benennen: “Du warst wütend, Lina, weil dein Turm kaputt war. Und du warst wütend, Mert, weil du die langen Klötze für die Brücke brauchtest.” Lösungen sammeln: “Was können wir machen, damit ihr beide bauen könnt?” Lina schlägt vor, in der Kiste nach weiteren langen Klötzen zu suchen. Mert schlägt vor, gemeinsam eine Brücke zu bauen. Vereinbarung: Die Kinder entscheiden sich für die gemeinsame Brücke, die Assistenzkraft wiederholt die Absprache laut und kommt zehn Minuten später noch einmal vorbei.

Was hier bewusst nicht passiert: keine Schuldfrage, keine erzwungene Entschuldigung, keine von der Erwachsenen vorgegebene Lösung. Und ebenso wichtig: Die Assistenzkraft hat vorher einige Sekunden beobachtet, ob die Kinder es allein schaffen. Erst als beide weinten, war ein Eingreifen nötig.

Regeln, die Konflikte vorbeugen

Ein großer Teil der Konfliktbegleitung passiert, bevor es überhaupt kracht. Gute Gruppenregeln erfüllen sechs Merkmale, die sich als Prüfungsantwort gut merken lassen:

  • Wenige: Fünf Regeln, die alle kennen, wirken besser als zwanzig, die niemand aufzählen kann.
  • Positiv formuliert: “Wir gehen im Flur” statt “Nicht rennen”. Kleine Kinder verarbeiten Verneinungen schlecht.
  • Begründet: Eine kurze Begründung macht aus Gehorsam Einsicht.
  • Gemeinsam erarbeitet: Regeln, an deren Entstehung Kinder beteiligt waren, werden deutlich besser eingehalten.
  • Sichtbar: Bildkarten oder Fotos an der Wand helfen allen, auch Kindern mit wenig Deutschkenntnissen.
  • Einheitlich: Alle Erwachsenen halten dieselben Regeln ein.

Ebenso wichtig ist der Umgang mit Regelverstößen. Kinder testen Grenzen, das gehört zu ihrer Entwicklung. Wirksam ist eine ruhige, freundliche und immer gleiche Reaktion. Wer bei jedem Verstoß lauter wird, gewöhnt die Gruppe an Lautstärke, nicht an die Regel. Statt “Wie oft soll ich das noch sagen? Ihr hört einfach nie zu” wirkt: “Stopp. Wir klettern auf dem Klettergerüst, nicht auf dem Tisch. Auf dem Tisch wird gegessen. Komm, ich zeige dir, wo du klettern kannst.”

Bei wiederkehrenden Streitthemen helfen sichtbare Hilfen mehr als Appelle: eine Sanduhr für die Schaukel, eine Warteliste mit Fotos, eine feste Anzahl von Plätzen pro Spielbereich.

Der Sonderfall Außenseiterposition

In jeder Gruppe bilden sich Rollen heraus: Anführerin, Mitläufer, Clown, die Stille, die Außenseiterposition. Diese Rollen sind nicht angeboren und nicht festgeschrieben, in einer anderen Gruppe kann dasselbe Kind eine ganz andere Rolle einnehmen.

Besondere Aufmerksamkeit braucht der dauerhafte Ausschluss, weil er das Selbstwertgefühl erheblich belastet. Wirksam ist selten der direkte Appell an die Gruppe (“Lasst ihn doch mitspielen”), sondern eher die Gestaltung von Situationen, in denen das Kind seine Stärken zeigen kann. Ein Beispiel: Emre (5 Jahre) steht im Freispiel oft am Rand der Bauecke. Die Assistenzkraft weiß, dass er sich mit Fahrrädern auskennt, weil sein Vater eine Werkstatt hat. Sie richtet auf dem Hof eine kleine Reparaturstation ein und fragt Emre, ob er zeigen möchte, wie man einen Reifen aufpumpt. Damit verändert sich seine Position in der Gruppe von selbst, ohne dass jemand zum Mitspielen verpflichtet wurde.

Das musst du für die Prüfung wissen

Typische Aufgabenstellungen lauten: “Analysieren Sie die Konfliktsituation im Fallbeispiel und beschreiben Sie Ihr Vorgehen Schritt für Schritt”, “Begründen Sie, warum eine erzwungene Entschuldigung pädagogisch nicht sinnvoll ist” oder “In welchen Situationen müssen Sie in einen Kinderkonflikt eingreifen?”.

Darauf kommt es an:

  • Gehe in Fallaufgaben die fünf Schritte in der richtigen Reihenfolge durch und formuliere zu jedem Schritt einen Beispielsatz.
  • Nenne die Allparteilichkeit ausdrücklich und begründe, warum die Schuldfrage nicht weiterhilft.
  • Zähle die vier Eingreifsituationen vollständig auf.
  • Ordne das Alter der Kinder ein. Bei Ein- bis Zweijährigen ist körperliches Verhalten entwicklungsbedingt und keine Absicht.
  • Aus der Assistenzperspektive: Du begleitest Konflikte im Alltag eigenständig, meldest aber der Fachkraft, wenn ein Kind wiederholt ausgeschlossen wird oder sich ein Konflikt verfestigt. Bei häufigem Beißen prüft das Team zusätzlich die Bedingungen: genug Rückzugsraum, genug gleiches Material, weniger Wartezeiten.

Im kostenlosen Lernpfad

Im kostenlosen Lernpfad gehört das Thema zu Lektion 4.3: Gruppenprozesse, Regeln und Konflikte unter Kindern.

Quellen

  • Tuckman, B. W.: Phasenmodell der Gruppenentwicklung mit Forming, Storming und Norming
  • Allparteilichkeit als Grundprinzip der Mediation, übertragen auf die Konfliktbegleitung in der Kindertagesbetreuung
  • Rahmenlehrplan Sozialassistenz Berlin (LISUM), 2011: Lernfeld 1 Beziehungen zu Menschen aufbauen und sozialpädagogische Prozesse begleiten
  • Lehrplan Berufsfachschule Sozialassistent Sachsen, 2020: Lernfeld 3 Soziale Beziehungen aufbauen und mitgestalten

Wissen anwenden statt nur lesen

Teste dein Wissen zu diesem Thema mit prüfungsnahen Fragen im Online-Testtrainer.

Pädagogisches Wissen testen

Häufige Fragen

Wie löst man Konflikte unter Kindern richtig?

In fünf Schritten: stoppen und Ruhe herstellen, jedes Kind nacheinander erzählen lassen, die Gefühle benennen, gemeinsam Lösungsideen sammeln und eine Vereinbarung treffen, die du absicherst. Die Lösung entwickeln die Kinder, du moderierst.

Was bedeutet Allparteilichkeit?

Du ergreifst nicht Partei, sondern zeigst beiden Seiten Verständnis. Die Frage Wer hat angefangen führt fast nie weiter. Hilfreicher ist: Was braucht ihr beide jetzt?

Wann musst du in einen Kinderkonflikt eingreifen?

In vier Fällen: wenn körperliche Gewalt droht oder geschieht, wenn ein deutliches Machtungleichgewicht besteht, wenn ein Kind sichtbar überfordert ist, und wenn abwertende oder diskriminierende Äußerungen fallen.

Sollen Kinder sich entschuldigen müssen?

Nein. Eine erzwungene Entschuldigung beendet den Lernprozess, statt ihn zu ermöglichen. Sinnvoller ist die Frage, was das Kind jetzt tun kann, damit es dem anderen besser geht: trösten, helfen, etwas zurückgeben.

Ab welchem Alter können Kinder Konflikte selbst lösen?

Ein- bis Zweijährige reagieren überwiegend körperlich, weil ihnen die Sprache fehlt. Drei- bis Vierjährige beginnen, Konflikte sprachlich auszutragen, brauchen dabei aber viel Unterstützung. Ab etwa fünf Jahren gelingen einfache Einigungen zunehmend selbstständig.

Warum beißen Kinder in der Krippe?

Aus Frustration bei fehlender Sprache, aus Neugier, beim Zahnen, aus Überreizung bei Lärm und Enge oder weil sie damit erfolgreich ein Spielzeug bekommen haben. Fachlich richtig ist: zuerst dem gebissenen Kind Zuwendung geben, dann das beißende Kind ruhig stoppen und eine Alternative anbieten.

← Alle Wissensartikel