Modul 4 · Lektion 3/4

Gruppenprozesse, Regeln und Konflikte unter Kindern

Gruppenphasen nach Tuckman, Rollen in Kindergruppen, Merkmale wirksamer Regeln und die fünf Schritte der Konfliktbegleitung im Kita-Alltag der Assistenzkraft.

Aktualisiert: August 2026

In der Kita erlebt ein Kind zum ersten Mal, wie es ist, einer von vielen zu sein. Es muss teilen, warten, sich durchsetzen und nachgeben. Was Erwachsenen wie ständiges Chaos vorkommt, ist aus pädagogischer Sicht ein hochwirksamer Lernraum, denn soziale Kompetenzen lassen sich nur in der Gruppe erwerben.

Für dich als Assistenzkraft folgt daraus zweierlei: Du brauchst ein Grundverständnis davon, wie sich Gruppen entwickeln, damit du Phasen von Unruhe nicht als eigenes Versagen deutest. Und du brauchst Handwerkszeug für Regeln und Konflikte, denn diese Situationen begegnen dir täglich.

Wie sich Gruppen entwickeln

Das bekannteste Modell der Gruppenentwicklung stammt vom US-amerikanischen Psychologen Bruce Tuckman. Er beschrieb 1965 zunächst vier Phasen, die fünfte kam später hinzu.

PhaseWas in der Gruppe passiertWas die Erwachsenen tun
Forming (Orientierung)Die Kinder tasten sich ab, sind unsicher und höflich zurückhaltendSicherheit geben, Namen und Rituale einführen, Kennenlernspiele anbieten
Storming (Konflikt)Rollen werden ausgehandelt, es gibt Reibung und MachtkämpfeKonflikte begleiten statt unterdrücken, Struktur und klare Regeln geben
Norming (Regelung)Gemeinsame Regeln entstehen, das Wir-Gefühl wächstRegeln festigen, Gemeinsames sichtbar machen
Performing (Leistung)Die Gruppe spielt und arbeitet gut zusammenImpulse setzen, Freiräume geben, sich zurücknehmen
Adjourning (Abschied)Die Gruppe löst sich auf, etwa beim SchulübergangAbschied gestalten, Erinnerungen sichern, Übergang begleiten

Die Phasen laufen nicht streng nacheinander ab. Kommt ein neues Kind dazu, verlässt ein beliebtes Kind die Gruppe oder liegen lange Ferien dazwischen, fällt die Gruppe in frühere Phasen zurück. Plane deshalb nach den Sommerferien bewusst wieder Kennenlern- und Kooperationsspiele ein, auch in einer Gruppe, die sich längst kennt.

Zwei Prüfungsfallen lauern hier. Erstens beschreibt Tuckman Gruppenphasen, nicht Gruppenrollen. Zweitens ist es falsch, Konflikte in der Storming-Phase als pädagogisches Versagen zu deuten. Wer sie unterdrückt, verhindert, dass die Gruppe überhaupt zu gemeinsamen Regeln findet.

Rollen in Kindergruppen

In jeder Gruppe bilden sich Rollen heraus: Anführerin oder Anführer, Mitläuferin oder Mitläufer, der Clown, die Stille und die Außenseiterposition. Diese Rollen sind weder angeboren noch festgeschrieben. In einem anderen Spiel kann dasselbe Kind eine völlig andere Rolle einnehmen.

Besondere Aufmerksamkeit braucht die Außenseiterposition, weil dauerhafter Ausschluss das Selbstwertgefühl erheblich belastet. Der direkte Appell an die Gruppe wirkt dabei selten. Hilfreicher sind Situationen, in denen das Kind seine Stärken zeigen kann, dazu Kleingruppen mit wechselnder Zusammensetzung. Wenn Emre (5) im Freispiel immer am Rand steht, aber weiß, wie man einen Fahrradreifen aufpumpt, bringt eine kleine Reparaturstation auf dem Hof mehr als jede Ermahnung an die anderen Kinder.

Regeln, die funktionieren

Regeln geben Kindern Sicherheit, machen den Alltag vorhersehbar und schützen die Rechte aller. Damit sie wirken, brauchen sie einige Eigenschaften:

  • Wenige: Fünf Regeln, die alle kennen, wirken besser als zwanzig, die niemand aufzählen kann.
  • Positiv formuliert: “Wir gehen im Flur” statt “Nicht rennen”, denn das Gehirn kleiner Kinder verarbeitet Verneinungen schlecht.
  • Begründet: Eine kurze Begründung macht aus Gehorsam Einsicht.
  • Gemeinsam erarbeitet: Regeln, an deren Entstehung Kinder beteiligt waren, werden deutlich besser eingehalten.
  • Sichtbar: Bildkarten oder Fotos an der Wand helfen allen, auch Kindern mit wenig Deutschkenntnissen.
  • Einheitlich: Alle Erwachsenen halten dieselben Regeln ein, nichts verunsichert Kinder mehr als wechselnde Grenzen.

Ebenso wichtig wie die Regel selbst ist der Umgang mit Regelverstößen. Kinder testen Grenzen, das gehört zu ihrer Entwicklung. Wirksam ist eine ruhige, freundliche und immer gleiche Reaktion. Wer bei jedem Verstoß lauter wird, gewöhnt die Gruppe an Lautstärke, nicht an die Regel. Statt Vorwürfen bleibst du konkret: “Stopp. Wir klettern auf dem Klettergerüst, nicht auf dem Tisch. Komm, ich zeige dir, wo du klettern kannst.” Sinnvoll ist außerdem, Regeln von Zeit zu Zeit gemeinsam zu überprüfen.

Konflikte unter Kindern

Konflikte sind normal und entwicklungsfördernd. Kinder lernen darin, eigene Interessen zu vertreten, Kompromisse auszuhandeln und die Sicht anderer zu verstehen. Der verbreitete Gedanke, in einer gut geführten Gruppe gebe es kaum Streit, führt in die Irre: Kinder, die nie streiten dürfen, verpassen zentrale Lerngelegenheiten. Qualitätsmerkmal ist nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern deren kompetente Begleitung.

Die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, entwickelt sich stufenweise:

AlterTypisches Konfliktverhalten
1 bis 2 Jahreüberwiegend körperlich: greifen, schubsen, beißen, weil die Sprache noch fehlt
3 bis 4 Jahreerste sprachliche Auseinandersetzung, aber mit viel Unterstützungsbedarf
ab 5 Jahreneinfache Einigungen gelingen zunehmend selbstständig

Die fünf Schritte der Konfliktbegleitung

  1. Stopp: Du unterbrichst die Situation und stellst Ruhe her.
  2. Zuhören: Jedes Kind erzählt nacheinander, was passiert ist.
  3. Gefühle benennen: Du sprichst aus, was du wahrnimmst (“Du warst wütend, weil du die Steine brauchtest”).
  4. Lösungen sammeln: Ihr tragt gemeinsam Ideen zusammen.
  5. Vereinbarung treffen: Die Kinder einigen sich auf eine Lösung, die du absicherst.

Definition – Allparteilichkeit: Du ergreifst im Konflikt nicht Partei, sondern zeigst beiden Seiten Verständnis. Die Frage “Wer hat angefangen?” führt kaum weiter, hilfreicher ist “Was braucht ihr beide jetzt?”.

In Fallaufgaben verlieren viele Prüflinge Punkte, weil sie als Erwachsene die Lösung vorgeben. Erwartet wird, dass die Kinder selbst Ideen entwickeln und du nur moderierst. Die zweite häufige Falle ist die erzwungene Entschuldigung: Ein aufgezwungenes “Entschuldigung” beendet den Lernprozess, statt ihn zu ermöglichen.

Wann du eingreifen musst

Nicht jeder Streit braucht sofort eine erwachsene Person, viele Konflikte lösen Kinder selbst. Eingreifen musst du in vier Fällen:

  • Es droht oder geschieht körperliche Gewalt.
  • Es besteht ein deutliches Machtungleichgewicht, etwa nach Alter oder Kräfteverhältnis.
  • Ein Kind ist sichtbar überfordert und kommt allein nicht heraus.
  • Es fallen abwertende oder diskriminierende Äußerungen.

Bei aggressivem Verhalten gilt: erst stoppen, dann verstehen. Hinter Schlagen und Beißen stecken meist Frustration, fehlende Sprache oder Überforderung. Du benennst das Gefühl, zeigst eine Alternative und begleitest das Kind, statt es zu beschämen. Beim Beißen in der Krippe bekommt zuerst das gebissene Kind Zuwendung, dann wird das beißende Kind ruhig gestoppt und bekommt eine Alternative. Parallel prüft das Team die Bedingungen: Rückzugsraum, gleiches Material, Wartezeiten. Bestrafungen helfen nicht, weil das Verhalten in diesem Alter kaum bewusst gesteuert wird.

Das solltest du dir merken

  • Gruppen durchlaufen die Phasen Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning, Rückfälle in frühere Phasen sind normal.
  • Rollen in der Gruppe sind veränderbar, die Außenseiterposition braucht besondere Aufmerksamkeit über Stärken statt über Appelle.
  • Gute Regeln sind wenige, positiv formuliert, begründet, gemeinsam erarbeitet, sichtbar und einheitlich.
  • Die fünf Schritte der Konfliktbegleitung lauten stoppen, zuhören, Gefühle benennen, Lösungen sammeln, Vereinbarung treffen. Allparteilichkeit heißt dabei, beiden Seiten Verständnis zu zeigen, statt die Schuldfrage zu klären.
  • Eingreifen musst du bei Gewalt, Machtungleichgewicht, sichtbarer Überforderung und Diskriminierung.

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Die fünf Schritte der Konfliktbegleitung ausführlich, mit Beispieldialog, Altersübersicht und FAQ: Konflikte unter Kindern lösen: die fünf Schritte der Konfliktbegleitung.

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Häufige Fragen zu dieser Lektion

Welche Gruppenphasen beschreibt Tuckman?

Bruce Tuckman beschrieb 1965 vier Phasen: Forming als Orientierung, Storming als Konflikt, Norming als Regelung und Performing als Leistung. 1977 ergänzten Tuckman und Jensen mit Adjourning eine fünfte Phase für den Abschied. Prüfungsfalle: Tuckman beschreibt Gruppenphasen, nicht Gruppenrollen, das sind zwei unterschiedliche Modelle.

Laufen die Gruppenphasen immer nacheinander ab?

Nein. Kommt ein neues Kind dazu, verlässt ein beliebtes Kind die Gruppe oder liegen lange Ferien dazwischen, fällt die Gruppe in frühere Phasen zurück. Plane deshalb nach den Sommerferien bewusst wieder Kennenlern- und Kooperationsspiele ein. Konflikte in der Storming-Phase sind kein pädagogisches Versagen: Wer sie unterdrückt, verhindert, dass die Gruppe zu gemeinsamen Regeln findet.

Wie formuliere ich gute Regeln für eine Kindergruppe?

Wenige Regeln, positiv formuliert, also Wir gehen im Flur statt Nicht rennen, begründet, gemeinsam mit den Kindern erarbeitet, über Bildkarten oder Fotos sichtbar gemacht und von allen Erwachsenen einheitlich vertreten. Bei Regelverstößen wirkt eine ruhige, freundliche und immer gleiche Reaktion. Wachsende Lautstärke gewöhnt die Gruppe an Lautstärke, nicht an die Regel.

Wie begleite ich einen Streit zwischen zwei Kindern?

In fünf Schritten: stoppen, zuhören, Gefühle benennen, Lösungen sammeln und eine Vereinbarung treffen. Beobachte vorher einige Sekunden, denn viele Konflikte lösen Kinder selbst. Leitgedanke ist die Allparteilichkeit, du ergreifst also nicht Partei, sondern zeigst beiden Seiten Verständnis. Statt zu fragen, wer angefangen hat, fragst du, was beide Kinder jetzt brauchen.

Warum bringt eine erzwungene Entschuldigung nichts?

Ein aufgezwungenes Entschuldigung beendet den Lernprozess, statt ihn zu ermöglichen. Das Kind lernt eine Formel, aber nicht, die Sicht des anderen zu verstehen oder eine Lösung auszuhandeln. Genau diese Kompetenzen sollen Konflikte fördern: eigene Interessen vertreten, Kompromisse aushandeln und die Perspektive anderer verstehen. Auch eine vorgegebene Lösung ist eine typische Prüfungsfalle.

Wann muss ich bei einem Konflikt unter Kindern eingreifen?

In vier Fällen: wenn körperliche Gewalt droht oder geschieht, bei deutlichem Machtungleichgewicht nach Alter oder Kräfteverhältnis, wenn ein Kind sichtbar überfordert ist und bei abwertenden oder diskriminierenden Äußerungen. In allen anderen Fällen beobachtest du erst einige Sekunden, denn viele Konflikte lösen Kinder selbst. Bei aggressivem Verhalten gilt die Reihenfolge: erst stoppen, dann verstehen.

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