Die ersten Wochen entscheiden darüber, ob ein Kind die Kita als sicheren Ort erlebt. Das Berliner Eingewöhnungsmodell ist das bekannteste Verfahren, um diesen Start zu gestalten, und es gehört in praktisch allen Bundesländern zum sicheren Prüfungsstoff. Abgefragt werden meist die vier Phasen mit ihren Zeiträumen, die Bedeutung des Trennungsversuchs und die Frage, woran du erkennst, dass eine Eingewöhnung gelungen ist.
Definition – Eingewöhnung: Eingewöhnung ist der begleitete Übergang eines Kindes von der Familie in die Betreuungseinrichtung. Ziel ist der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zu einer Bezugsperson in der Einrichtung, damit das Kind sich sicher fühlt und die neue Umgebung erkunden kann.
Die Grundidee: das Kind bestimmt das Tempo
Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde am Institut Infans von Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Eva Hedervari-Heller entwickelt. Es setzt die Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth direkt in einen Ablauf um. Der Grundsatz lautet: Nicht der Kalender bestimmt den Fortschritt, sondern die Reaktion des Kindes.
Daraus folgt der zweite Grundsatz: Die Eingewöhnung ist elternbegleitet. Ein Elternteil bleibt in den ersten Tagen dabei und dient als sichere Basis, von der aus das Kind Kontakt zur Bezugserzieherin aufnehmen kann. Ohne diese Basis müsste das Kind Beziehung und Trennung gleichzeitig bewältigen, und das überfordert es.
Die vier Phasen im Überblick
| Phase | Zeitraum | Was passiert |
|---|---|---|
| Grundphase | Tag 1 bis 3 | Ein Elternteil bleibt im Raum, keine Trennung. Die Bezugserzieherin nimmt behutsam Kontakt auf. |
| Trennungsversuch | ab Tag 4 | Kurze Verabschiedung, das Elternteil verlässt für wenige Minuten den Raum. Die Reaktion entscheidet über das weitere Vorgehen. |
| Stabilisierungsphase | Tag 5 bis 14 | Die Trennungszeiten werden verlängert, die Bezugserzieherin übernimmt Wickeln, Füttern und Trösten. |
| Schlussphase | ab etwa Tag 14 | Das Elternteil ist nicht mehr in der Einrichtung, aber jederzeit telefonisch erreichbar. |
Als Merkhilfe für die Prüfung: G-T-S-S, also Grundphase, Trennungsversuch, Stabilisierung, Schlussphase.
Grundphase: ankommen ohne Trennung
In den ersten drei Tagen geht es ausschließlich ums Ankommen. Das Elternteil bleibt im Raum, verhält sich eher passiv und ist für das Kind der ruhende Pol. Die Bezugserzieherin drängt sich nicht auf, sondern macht Angebote: Sie setzt sich in die Nähe, kommentiert, was das Kind tut, schiebt ein Material herüber. Getrennt wird in dieser Phase nicht, auch dann nicht, wenn das Kind entspannt wirkt. Die Besuche dauern meist ein bis zwei Stunden.
Trennungsversuch: der Schlüsselmoment
Am vierten Tag verabschiedet sich das Elternteil bewusst und kurz und verlässt für wenige Minuten den Raum. Dieser Moment ist der eigentliche Test des Modells, denn er beantwortet die entscheidende Frage: Lässt sich das Kind von der Bezugserzieherin beruhigen?
- Beruhigt sich das Kind innerhalb weniger Minuten oder spielt es unbeeindruckt weiter, kann die Eingewöhnung kurz ausfallen, oft rund sechs Tage.
- Bleibt es untröstlich, kehrt das Team zur Grundphase zurück und versucht es einige Tage später erneut. Dann dauert die Eingewöhnung meist zwei bis drei Wochen.
Ein praktischer Hinweis, der in mündlichen Prüfungen gern als Nachfrage kommt: Fällt der vierte Tag auf einen Montag, wird der Trennungsversuch auf den Dienstag verschoben. Das Wochenende hat die Situation für das Kind wieder unvertrauter gemacht.
Stabilisierungsphase: Verantwortung wandert
Jetzt werden die Trennungszeiten Schritt für Schritt verlängert. Genauso wichtig ist die zweite Bewegung in dieser Phase: Die Bezugserzieherin übernimmt die pflegerischen Aufgaben. Sie wickelt, sie füttert, sie tröstet. Genau in diesen Situationen entsteht Bindung, nicht im Stuhlkreis. Das Elternteil bleibt in der Einrichtung erreichbar, hält sich aber zunehmend heraus.
Schlussphase: erreichbar statt anwesend
In der Schlussphase ist das Elternteil nicht mehr im Haus, aber telefonisch jederzeit erreichbar. Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind die Bezugserzieherin als sichere Basis akzeptiert. Das Kriterium ist nicht, dass das Kind nicht mehr weint, sondern dass es sich von ihr trösten lässt und danach ins Spiel findet.
Ein zweiter Mythos hält sich hartnäckig: Wenn ein Kind beim Abschied nicht mehr weint, sei die Eingewöhnung gelungen. Weinen beim Abschied ist normal und spricht sogar für eine sichere Bindung an die Eltern. Ein Kind dagegen, das nie protestiert, kann innerlich stark belastet sein. Achte deshalb auf die Zeit nach dem Abschied: Lässt sich das Kind trösten, isst es, schläft es, findet es ins Spiel?
Berliner und Münchener Modell im Vergleich
| Merkmal | Berliner Modell | Münchener Modell |
|---|---|---|
| Dauer | etwa 1 bis 3 Wochen | etwa 4 bis 5 Wochen |
| Phasen | Grundphase, Trennungsversuch, Stabilisierung, Schluss | Kennenlern-, Sicherheits-, Vertrauens-, Autonomiephase |
| Schwerpunkt | Beziehung zur Bezugserzieherin | Zusätzlich die Rolle der anderen Kinder |
| Erste Trennung | geplant ab Tag 4 | später, vom Kind ausgehend |
| Merkhilfe | Berlin wie Bezugsperson | München wie Miteinander |
Beide Modelle sind fachlich anerkannt. Das Münchener Modell betont, dass sich nicht nur das neue Kind eingewöhnt, sondern auch die Gruppe sich an das neue Kind gewöhnt. Für die Prüfung genügt es, das Berliner Modell in seinen vier Phasen sicher wiedergeben und das Münchener Modell in zwei Sätzen abgrenzen zu können.
Praxisbeispiel: Der heimliche Abschied
Die Mutter des einjährigen Emil fragt die Assistenzkraft am dritten Tag: “Kann ich nicht einfach schnell rausgehen, wenn er gerade nicht hinschaut? Dann merkt er es nicht und weint weniger.”
Der Wunsch ist verständlich, fachlich aber falsch. Ein heimlicher Abschied nimmt dem Kind die Möglichkeit, den Weggang zu verarbeiten. Es lernt stattdessen, dass die Mutter jederzeit unbemerkt verschwinden kann, und muss sie deshalb dauernd im Blick behalten. Genau das verhindert Erkunden und Spiel.
Fachlich richtig ist ein bewusster, kurzer Abschied. Ein Satz, der auch in der Prüfung überzeugt, lautet: “Verabschieden Sie sich bewusst und kurz, auch wenn er dann weint. So lernt er: Mama sagt Bescheid, bevor sie geht, und sie kommt verlässlich wieder. Ich bin dann da und tröste ihn.”
Beachte dabei die Rollenverteilung. Das Elterngespräch zur Eingewöhnung führt die Bezugserzieherin. Du kannst die Frage freundlich aufnehmen und an sie weitergeben, ohne selbst eine abweichende Absprache zu treffen.
Deine Rolle als Assistenzkraft
Die Eingewöhnung wird von einer Fachkraft als Bezugserzieherin geplant, geführt und dokumentiert. Du wirkst mit, und dieses Mitwirken hat eine klare Form:
- Halte dich in der Grundphase bewusst im Hintergrund und überlasse den Kontaktaufbau der Bezugserzieherin. Das Kind soll nicht zu vielen neuen Gesichtern gleichzeitig begegnen.
- Halte den Alltag der übrigen Gruppe am Laufen, damit die Bezugserzieherin Zeit für das neue Kind hat. Das ist dein größter Beitrag und wird oft unterschätzt.
- Achte auf leise Signale: abgewandter Blick, Quengeln, Nuckeln am Ärmel, Erstarren. Nicht nur lautes Weinen zeigt Stress.
- Notiere kurz und sachlich, wie die Trennung verlief und wie lange das Kind zum Beruhigen brauchte, und gib das an die Fachkraft weiter.
- Sorge dafür, dass Trostgegenstände wie Kuscheltier, Schnuller oder Tuch jederzeit verfügbar sind.
Das musst du für die Prüfung wissen
Typische Aufgabenstellungen lauten: “Beschreiben Sie die vier Phasen des Berliner Eingewöhnungsmodells”, “Erklären Sie einem Elternteil, warum ein heimliches Weggehen dem Kind schadet” oder “Woran erkennen Sie, dass eine Eingewöhnung abgeschlossen ist?”.
Darauf solltest du achten:
- Nenne die Phasen mit Namen und Zeitraum. Die Kombination bringt die Punkte.
- Erkläre die Funktion des Trennungsversuchs, statt ihn nur zu benennen. Er entscheidet über die Dauer der gesamten Eingewöhnung.
- Formuliere das Abschlusskriterium richtig: Trösten lassen und ins Spiel finden, nicht Aufhören mit Weinen.
- Verknüpfe das Modell mit der Bindungstheorie. Der Satz “Das Elternteil ist die sichere Basis, von der aus das Kind Kontakt aufnimmt” zeigt, dass du den Hintergrund verstanden hast.
- Beschreibe deine Assistenzrolle als Mitwirken, Beobachten und Weitergeben. Führung und Dokumentation der Eingewöhnung liegen bei der Fachkraft.
Im kostenlosen Lernpfad
Diese Inhalte sind auch Teil des kostenlosen Lernpfads: Lektion 3.3: Bindung und Eingewöhnung ordnet das Modell in die Bindungstheorie ein.
Quellen
- Laewen, H.-J., Andres, B., Hedervari-Heller, E. (Institut infans): Berliner Eingewöhnungsmodell
- Bowlby, J.: Bindungstheorie
- Ainsworth, M.: Konzept der sicheren Basis
- Münchener Eingewöhnungsmodell: Kennenlern-, Sicherheits-, Vertrauens- und Autonomiephase
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Häufige Fragen
Welche vier Phasen hat das Berliner Eingewöhnungsmodell?
Grundphase (Tag 1 bis 3), Trennungsversuch (ab Tag 4), Stabilisierungsphase (Tag 5 bis 14) und Schlussphase (ab etwa Tag 14). Als Merkhilfe hilft die Buchstabenfolge G-T-S-S.
Wie lange dauert die Eingewöhnung nach dem Berliner Modell?
Das hängt vom Trennungsversuch am vierten Tag ab. Lässt sich das Kind schnell von der Bezugserzieherin beruhigen, kann die Eingewöhnung nach rund sechs Tagen abgeschlossen sein. Bleibt es untröstlich, dauert sie meist zwei bis drei Wochen.
Warum findet der Trennungsversuch erst am vierten Tag statt?
In den ersten drei Tagen soll das Kind ohne Trennungsstress ankommen und die Bezugserzieherin kennenlernen. Der vierte Tag ist der früheste sinnvolle Zeitpunkt, um zu prüfen, ob sich das Kind von ihr trösten lässt. Fällt er auf einen Montag, wird er auf Dienstag verschoben.
Wer hat das Berliner Eingewöhnungsmodell entwickelt?
Es wurde am Institut Infans von Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Eva Hedervari-Heller entwickelt und setzt die Bindungstheorie direkt in Praxis um.
Was ist der Unterschied zum Münchener Eingewöhnungsmodell?
Das Münchener Modell dauert mit vier bis fünf Wochen länger und gliedert sich in Kennenlern-, Sicherheits-, Vertrauens- und Autonomiephase. Es legt mehr Gewicht auf die anderen Kinder: Auch die Gruppe gewöhnt sich an das neue Kind. Merkhilfe: Berlin wie Bezugsperson, München wie Miteinander.
Ist die Eingewöhnung beendet, wenn das Kind nicht mehr weint?
Nein. Weinen beim Abschied ist normal und spricht sogar für eine sichere Bindung an die Eltern. Das Kriterium lautet: Lässt sich das Kind von der Fachkraft trösten und findet es danach ins Spiel?