Modul 3 · Lektion 3/5

Bindung und Eingewöhnung: Bowlby, Ainsworth, Berliner Modell

Bindung und Eingewöhnung in der Krippe: Bowlbys Theorie, die Bindungstypen nach Ainsworth sowie Main und Solomon und die Phasen des Berliner Modells.

Aktualisiert: August 2026

Ein Kind, das sich unsicher fühlt, lernt nicht. Es beobachtet, klammert oder zieht sich zurück, aber es erkundet nicht. Deshalb gilt in der frühen Bildung: Ohne Bindung keine Bildung. Für dich als Assistenzkraft heißt das, dass du eine tragfähige Beziehung brauchst, bevor du ein Angebot planst. In den ersten Wochen eines neuen Kindes ist der Beziehungsaufbau sogar die eigentliche Aufgabe. Abgefragt werden fast überall dieselben drei Blöcke: die vier Bindungstypen, die vier Merkmale der Feinfühligkeit und die Phasen des Berliner Modells.

Bowlby: Bindung ist ein Grundbedürfnis

John Bowlby (1907 bis 1990) war ein britischer Kinderpsychiater. Er zeigte, dass Kinder ein angeborenes Bedürfnis nach Nähe und Schutz haben. Bindung ist kein Ergebnis von Erziehung, sondern ein biologisch verankertes Grundbedürfnis.

Definition – Bindung: Eine enge, überdauernde gefühlsmäßige Beziehung eines Kindes zu einer oder wenigen Bezugspersonen, die ihm Sicherheit und Schutz gibt. Davon zu unterscheiden ist der Begriff Beziehung, der allgemein den wechselseitigen Kontakt meint.

Zentral ist bei Bowlby das Wechselspiel zweier Systeme. Fühlt sich ein Kind sicher, wird das Explorationsverhalten aktiv: Es entfernt sich, spielt, erkundet. Bei Angst, Müdigkeit oder Stress wird dagegen das Bindungsverhalten aktiv: Es weint, klammert und sucht Nähe. Die Bezugsperson wirkt als sichere Basis, von der aus das Kind losziehen und zu der es zum Auftanken zurückkehren kann.

Hartnäckig hält sich der Gedanke, wer ein weinendes Baby sofort hochnimmt, verwöhne es. Belegt ist das Gegenteil: Kinder, deren Bedürfnisse zuverlässig beantwortet werden, werden selbstständiger, weil sie sich freier ins Erkunden trauen.

Ainsworth: Feinfühligkeit und die Bindungstypen

Mary Ainsworth (1913 bis 1999) hat Bowlbys Theorie überprüft. Mit einem standardisierten Beobachtungsverfahren, der Fremden Situation, untersuchte sie etwa einjährige Kinder in kurzen Trennungen von der Mutter und den anschließenden Wiedervereinigungen. Entscheidend ist nicht, ob ein Kind bei der Trennung weint, sondern wie es reagiert, wenn die Bezugsperson zurückkommt. Ainsworth beschrieb daraus die drei Muster B, A und C. Den vierten Typ D desorganisiert ergänzten Mary Main und Judith Solomon 1986 und 1990.

TypBei der TrennungBei der RückkehrVerhalten der Bezugsperson
B: sicherWeint, sucht NäheFreut sich, lässt sich trösten, spielt weiterfeinfühlig
A: unsicher-vermeidendZeigt kaum ReaktionMeidet Blickkontakt und Nähezurückweisend
C: unsicher-ambivalentWeint sehr heftigKlammert und wehrt gleichzeitig abunberechenbar
D: desorganisiertWidersprüchlich, erstarrtOrientierungslos, bizarre Bewegungenängstigend

Als Merkhilfe: B wie beruhigt sich, A wie ausweichend, C wie Chaos der Gefühle, D wie durcheinander.

Der wichtigste Begriff aus Ainsworths Forschung ist die Feinfühligkeit mit ihren vier Bestandteilen: die Signale des Kindes wahrnehmen, richtig deuten, prompt reagieren und angemessen reagieren. Feinfühligkeit ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Kompetenz, die du üben kannst.

Zwei Fallen kosten hier Punkte. Erstens: Bowlby lieferte die Theorie, Ainsworth die Untersuchung. Wer schreibt “Bowlby entwickelte den Fremde-Situation-Test”, liegt falsch. Zweitens sind die Bindungstypen keine Diagnosen. Auch eine unsichere Bindung ist eine Anpassungsleistung, schreibe also nie, ein Kind sei bindungsgestört.

Du kannst zur sicheren Basis werden

Kinder binden sich nicht nur an ihre Eltern. Zu Fach- und Assistenzkräften können sie eine sekundäre Bindung aufbauen, die die Eltern-Bindung nicht ersetzt, sondern ergänzt. Sie entsteht durch Verlässlichkeit, Zuwendung und immer gleiche kleine Rituale. Für Kinder mit belastenden Beziehungserfahrungen liegt darin eine echte Chance.

Ein Beispiel, das oft falsch gedeutet wird: Ben (2,5) lässt seine Mutter schon am vierten Tag kommentarlos gehen, weint nie und lehnt Trost ab. Das Team ist erleichtert, die Bezugserzieherin skeptisch, denn Ben kaut ständig an seinem Ärmel. Sein Verhalten passt zu einem unsicher-vermeidenden Muster, die Eingewöhnung jetzt zu beenden wäre ein Fehler.

Bowlby ging ursprünglich von einer einzigen wichtigen Bindungsperson aus. Das gilt heute als überholt: Kinder bilden ein Netz aus mehreren Bindungspersonen, und Bindungsqualität kann sich durch neue, verlässliche Erfahrungen verändern.

Die Eingewöhnung nach dem Berliner Modell

Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde am Institut Infans von Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Eva Hedervari-Heller entwickelt. Der Grundsatz lautet: Das Kind bestimmt durch seine Reaktionen das Tempo.

PhaseZeitraumWas passiert
GrundphaseTag 1 bis 3Ein Elternteil bleibt im Raum, keine Trennung. Die Bezugserzieherin nimmt behutsam Kontakt auf.
Trennungsversuchab Tag 4Kurze Verabschiedung, das Elternteil geht für wenige Minuten aus dem Raum. Die Reaktion entscheidet über das weitere Vorgehen.
StabilisierungsphaseTag 5 bis 14Längere Trennungszeiten, die Bezugserzieherin übernimmt Wickeln, Füttern und Trösten.
Schlussphaseab etwa Tag 14Das Elternteil ist nicht mehr da, aber jederzeit telefonisch erreichbar.

Der Trennungsversuch am vierten Tag hat eine klare Funktion: Lässt sich das Kind innerhalb weniger Minuten von der Bezugserzieherin beruhigen, kann die Eingewöhnung kurz ausfallen, oft rund sechs Tage. Bleibt es untröstlich, kehrt das Team zur Grundphase zurück, dann dauert sie meist zwei bis drei Wochen. Fällt der vierte Tag auf einen Montag, wird der Versuch auf Dienstag verschoben, weil das Wochenende alles wieder unvertrauter gemacht hat.

Merke dir die Phasen als G-T-S-S: Grundphase, Trennungsversuch, Stabilisierung, Schlussphase.

Die zweite gängige Variante ist das Münchener Eingewöhnungsmodell. Es dauert mit vier bis fünf Wochen länger, gliedert sich in Kennenlern-, Sicherheits-, Vertrauens- und Autonomiephase und legt mehr Gewicht auf die anderen Kinder: Auch die Gruppe gewöhnt sich an das neue Kind. Merke: Berlin wie Bezugsperson, München wie Miteinander.

Ein Punkt kommt in Prüfungen immer wieder: das heimliche Weggehen. Der Rat “Gehen Sie schnell raus, wenn er nicht hinschaut” ist fachlich falsch. Besser ist eine bewusste, kurze Verabschiedung, auch wenn danach Tränen kommen. So lernt das Kind, dass Mama Bescheid sagt und wiederkommt.

Deine Rolle als Assistenzkraft

Geplant, geführt und dokumentiert wird die Eingewöhnung von einer Fachkraft als Bezugserzieherin. Du wirkst mit: Du hältst den Alltag der übrigen Gruppe am Laufen, beobachtest mit und hältst dich in den ersten Tagen bewusst zurück, damit das Kind nicht zu vielen neuen Gesichtern gleichzeitig begegnet. Achte auf leise Signale wie abgewandten Blick, Quengeln oder Nuckeln am Ärmel, denn nicht nur lautes Weinen zeigt Stress. Sprich dein Handeln an, bevor du es tust (“Ich hebe dich jetzt hoch”).

Ein Kind, das beim Abschied nicht mehr weint, ist übrigens nicht automatisch gut eingewöhnt. Weinen beim Abschied spricht sogar für eine sichere Bindung an die Eltern. Die richtige Frage lautet: Lässt sich das Kind trösten und findet es danach ins Spiel?

Das solltest du dir merken

  • Bindung ist ein angeborenes Grundbedürfnis. Bowlby lieferte die Theorie, Ainsworth die Untersuchung.
  • Bindungsverhalten und Explorationsverhalten wechseln sich ab, die Bezugsperson ist die sichere Basis.
  • Die vier Typen lauten B sicher, A unsicher-vermeidend, C unsicher-ambivalent und D desorganisiert.
  • Feinfühligkeit heißt wahrnehmen, richtig deuten, prompt und angemessen reagieren. Sie ist erlernbar.
  • Das Berliner Modell umfasst Grundphase, Trennungsversuch ab Tag 4, Stabilisierung und Schlussphase.

Vertiefung

Zwei Wissen-Artikel vertiefen diese Lektion. Zu Theorie und Bindungstypen mit Vergleichstabelle: Bindungstheorie einfach erklärt: Bowlby, Ainsworth und die vier Bindungstypen. Zum Ablauf der Eingewöhnung mit Zeiträumen, Münchener Modell im Vergleich und FAQ: Berliner Eingewöhnungsmodell: die vier Phasen im Überblick.

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Häufige Fragen zu dieser Lektion

Was ist der Unterschied zwischen Bindung und Beziehung?

Bindung ist eine enge, überdauernde gefühlsmäßige Verbindung zu einer oder wenigen Bezugspersonen, die Sicherheit und Schutz gibt. Beziehung meint allgemein den wechselseitigen Kontakt zwischen zwei Menschen. Jede Bindung ist eine Beziehung, aber nicht jede Beziehung ist eine Bindung. Zu Fachkräften entsteht bei Verlässlichkeit eine sekundäre Bindung, die die Eltern nicht ersetzt.

Was haben Bowlby und Ainsworth jeweils beigetragen?

John Bowlby lieferte die Theorie: Bindung ist ein angeborenes, biologisch verankertes Grundbedürfnis, Bindungs- und Explorationsverhalten wechseln sich ab, die Bezugsperson wirkt als sichere Basis. Mary Ainsworth lieferte die Untersuchung, nämlich die Fremde Situation mit kurzen Trennungen und Wiedervereinigungen. Wer schreibt, Bowlby habe die Fremde Situation entwickelt, verliert Punkte.

Welche Bindungstypen gibt es?

Ainsworth beschrieb drei Muster: B sicher, A unsicher-vermeidend und C unsicher-ambivalent. Den vierten Typ D desorganisiert ergänzten Mary Main und Judith Solomon 1986 und 1990. Entscheidend für die Einordnung ist nicht, ob ein Kind bei der Trennung weint, sondern wie es sich bei der Rückkehr der Bezugsperson verhält. Bindungstypen sind keine Diagnosen.

Was bedeutet Feinfühligkeit?

Feinfühligkeit hat vier Bestandteile: die Signale des Kindes wahrnehmen, sie richtig deuten, prompt reagieren und angemessen reagieren. Sie ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Kompetenz, die du üben und im Team reflektieren kannst. Feinfühliges Verhalten der Bezugsperson gilt als wichtigste Bedingung dafür, dass ein Kind eine sichere Bindung aufbaut.

Wie läuft das Berliner Eingewöhnungsmodell ab?

In drei Phasen, Merkhilfe G-S-S: Grundphase an Tag 1 bis 3 gemeinsam mit einem Elternteil und ohne Trennung, Stabilisierungsphase ab dem fünften Tag ohne festes Ende und Schlussphase. Der erste Trennungsversuch am vierten Tag ist keine eigene Phase, sondern der Schritt dazwischen. Beruhigt sich das Kind schnell, dauert die Eingewöhnung oft rund sechs Tage, sonst meist zwei bis drei Wochen.

Ist es schlimm, wenn ein Kind beim Abschied weint?

Nein. Weinen beim Abschied ist normal und spricht sogar für eine sichere Bindung an die Eltern. Entscheidend ist etwas anderes: Lässt sich das Kind von der Fachkraft trösten und findet es danach ins Spiel? Ein Kind, das nie protestiert, kann innerlich belastet sein. Heimliches Weggehen schadet, weil es dem Kind genau die Verlässlichkeit nimmt, die die sichere Basis ausmacht.

8 Fragen

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