Modul 6 · Lektion 3/3

Kinderliteratur und Bilderbuchbetrachtung

Lektion 6.3 des kostenlosen Lernpfads: Bilderbuchbetrachtung planen, dialogisches Lesen mit der PEER-Folge und Buchauswahl für die praktische Prüfung.

Aktualisiert: August 2026

Kaum ein Angebot wird für die praktische Prüfung so oft gewählt wie die Bilderbuchbetrachtung. Sie braucht wenig Material, funktioniert in jedem Raum mit drei bis sechs Kindern und lässt sich sauber in Einstieg, Hauptteil und Abschluss gliedern. Gleichzeitig zeigst du daran fast alles, was geprüft wird: Beziehungsgestaltung, Sprachbildung, Gesprächsführung und den Umgang mit der Gruppe. Genau deshalb ist sie anspruchsvoll, denn eine Bilderbuchbetrachtung ist kein Vorlesen.

Definition – Bilderbuchbetrachtung: Beim Vorlesen hören die Kinder zu. Bei der Betrachtung kommen sie ins Gespräch, deuten Bilder, stellen Vermutungen an und verknüpfen die Geschichte mit ihrem eigenen Leben.

Wer nur den Text herunterliest und am Ende fragt “Hat es euch gefallen?”, verschenkt die Hälfte der Punkte. Die Buchauswahl ist nur der erste von fünf Schritten. Dazu kommen Vorbereitung des Buches, Rahmen aus Ort, Sitzordnung und Gruppengröße, Gesprächsführung und Nachbereitung.

Gattungen der Kinderliteratur

ArtMerkmaleBeispiele
Erstes BildwörterbuchEin Gegenstand je Seite, kein Handlungsstrang, dicke PappeBildwörterbücher zu Tieren, Fahrzeugen, Alltagsgegenständen
Erzählendes BilderbuchZusammenhängende Geschichte, Bild und Text ergänzen sichDie kleine Raupe Nimmersatt (Eric Carle), Der Grüffelo (Julia Donaldson und Axel Scheffler)
SachbilderbuchWissen vermitteln, oft mit Klappen und DetailbildernReihen wie Wieso? Weshalb? Warum?
WimmelbuchKein oder kaum Text, viele parallele Handlungen zum EntdeckenDie Jahreszeiten-Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner
Problem- und ThemenbilderbuchGreift Gefühle und Lebensthemen auf: Angst, Streit, Anderssein, TodDas kleine Ich bin ich (Mira Lobe), Irgendwie Anders (Kathryn Cave), Heule Eule (Paul Friester)

Altersgerecht auswählen

Die Auswahl richtet sich nach dem Alter, aber genauso nach der Situation der Gruppe: Ein Buch über Streit passt, wenn es gerade viele Konflikte gibt. Diese Begründung gehört in deine Bedingungsanalyse.

AlterPassende BücherWorauf du achtest
1 bis 2 JahrePappbilderbücher, Bildwörterbücher, erste AlltagsgeschichtenWenige Wörter, klare Bilder ohne Hintergrundgewimmel, Wiederholung, 5 bis 8 Minuten, Buch anfassen lassen
2 bis 3 JahreKurze Alltagsgeschichten mit vertrauten Abläufen, ReimbücherHandlung nah an der eigenen Erfahrung wie Essen, Schlafen, Trotz. Text oft frei erzählen statt vorlesen
3 bis 4 JahreErzählende Bilderbücher mit einfachem roten Faden, erste TiergeschichtenKlare Hauptfigur, überschaubarer Spannungsbogen, 10 bis 15 Minuten
4 bis 6 JahreLängere Geschichten, Themenbilderbücher, Sachbilderbücher, WimmelbücherGefühle und Konflikte dürfen komplexer sein, Kinder stellen Vermutungen an, 15 bis 25 Minuten

Prüfe jedes Buch mit den vier A: Alter (passt Text- und Bildmenge?), Anlass (warum jetzt und für diese Kinder?), Aussage (was trägt die Geschichte inhaltlich?), Abbildung (sind die Bilder auch aus zwei Metern Entfernung erkennbar?). Wackelt eines der vier A, such dir ein anderes Buch.

Der häufigste Fehler ist ein zu langes, zu textlastiges Buch: Was du in zwölf Minuten durchliest, dauert mit Gespräch schnell 25 Minuten. Zweiter Klassiker sind sehr kleine, detailreiche Bilder, die nur das Kind neben dir sieht. Und drittens Bücher, die du kaum kennst. Lies dein Buch mindestens dreimal, bevor du es in die Prüfung mitnimmst.

Vorbereitung und Rahmen

Inhaltlich durchdringst du die Geschichte selbst: Wer sind die Figuren, wo liegt der Höhepunkt, welche Wörter kennen die Kinder vermutlich nicht? Unbekannte Wörter klärst du nebenbei mitten im Satz (“Der Grüffelo hat Klauen, das sind seine spitzen Krallen”). Bei jüngeren Kindern kürzt du den Text oder erzählst frei zu den Bildern. Der organisatorische Rahmen entscheidet oft mehr über den Verlauf als das Buch selbst:

  • Ort: ruhiger Nebenraum oder abgegrenzte Ecke, keine Durchgangssituation, Tür zu, keine offene Spielkiste im Rücken der Kinder
  • Sitzordnung: Halbkreis auf Kissen oder Bank, jedes Kind sieht das Buch frontal. Unruhige Kinder in deine Nähe setzen, nicht nebeneinander
  • Buchhaltung: Buch seitlich halten, Arm gestreckt, langsam schwenken. Vorher vor dem Spiegel üben
  • Zeitpunkt: nicht kurz vor dem Mittagessen und nicht nach dem Toben, ideal ist der Vormittag nach dem Freispiel
  • Ritual: immer derselbe Einstieg mit Erzähllicht, Kissen oder Fingerspiel

Neben dem Buch kannst du andere Medien nutzen. Das Kamishibai ist ein kleines Holztheater für großformatige Bildkarten: Alle Kinder sehen dasselbe Bild gleich groß, und du hast beide Hände frei. Dazu kommen Erzählsäckchen mit Figuren und Gegenständen zur Geschichte sowie die Erzählschiene, auf der Figuren beim Erzählen bewegt werden. Alle drei eignen sich für die praktische Prüfung.

Der Ablauf einer Bilderbuchbetrachtung

PhaseDauerInhalt
Einstiegetwa 3 bis 5 MinutenRitual, kurzes Fingerspiel oder Lied zum Thema, Impulsgegenstand aus einem Säckchen, Titelbild betrachten, Titel und Autorin oder Autor nennen
Hauptteiletwa 10 bis 15 MinutenErzählen und Gespräch wechseln sich ab, Zeit zum Schauen lassen, Äußerungen aufgreifen
Abschlussetwa 3 bis 5 MinutenNachgespräch, Rückkehr zum Ritual, Lied oder Ausblick auf ein vertiefendes Angebot

Die Frage “Was seht ihr hier?” öffnet fast immer das Gespräch. Im Hauptteil hältst du das Buch ruhig und lange genug und behältst den Blickkontakt, deshalb solltest du den Text fast auswendig können. Zwei bis vier gut gesetzte Gesprächsimpulse in der ganzen Geschichte sind besser als eine Frage pro Seite. Am Ende legst du das Buch in die Leseecke. Ein Kind, das es später selbstständig durchblättert, ist der beste Beleg dafür, dass dein Angebot gewirkt hat.

Dialogisches Lesen und Fragetechniken

Das dialogische Lesen geht auf den Psychologen Grover Whitehurst und sein Team zurück (Ende der 1980er Jahre) und gilt als eine der wirksamsten Methoden der frühen Sprachbildung. Das Kind wird vom Zuhörer zum Miterzähler.

Schritt der PEER-FolgeBedeutungBeispiel
P wie PromptImpuls oder Frage geben”Was macht die Maus denn da?”
E wie EvaluateAntwort wertschätzend aufgreifen”Genau, sie versteckt sich.”
E wie ExpandAntwort sprachlich erweitern”Sie versteckt sich hinter dem dicken Baumstamm, weil sie Angst vor dem Fuchs hat.”
R wie RepeatDas Kind einladen, die erweiterte Form zu wiederholen”Sagst du das auch mal: Sie versteckt sich hinter dem Baumstamm?”

Prüfungskommissionen achten genau darauf, ob du offene Fragen stellst, also solche, auf die man nicht mit Ja oder Nein antworten kann:

  • Beschreibungsfragen: “Was seht ihr auf diesem Bild?”
  • Vermutungsfragen: “Was glaubt ihr, was jetzt passiert?”
  • Gefühlsfragen: “Wie geht es dem Hasen gerade?”
  • Erinnerungsfragen: “Wer weiß noch, wen die Raupe zuerst getroffen hat?”
  • Transferfragen zur eigenen Lebenswelt: “Hattest du auch schon mal Angst im Dunkeln?”
  • Ergänzungsimpulse: Satzanfang stehen lassen und die Kinder ergänzen lassen, besonders bei Reimen

Viele Prüflinge halten Pausen nicht aus und beantworten ihre Fragen nach zwei Sekunden selbst. Kinder brauchen oft fünf bis zehn Sekunden für eine Antwort, mehrsprachige Kinder noch länger. Zähle innerlich bis fünf, bevor du nachhakst. Ebenfalls falsch ist das Korrigieren kindlicher Äußerungen. Richtig ist das korrektive Feedback: Du wiederholst den Satz beiläufig in korrekter Form und führst das Gespräch weiter.

Nachbereitung, Vertiefung und Reflexion

Die Vertiefung macht aus einem Angebot ein kleines Projekt und ist in der Prüfung ein starker Punkt: die Geschichte im Rollenspiel oder mit Handpuppen nachspielen, eine Lieblingsszene malen oder als Collage gestalten, mit Kamishibai oder Erzählsäckchen nacherzählen lassen, ein Lied oder Bewegungsspiel anschließen, in ein Koch-, Natur- oder Sinnesangebot übergehen oder das Buch auslegen und eine Woche später an die Kinderfragen anknüpfen.

Für die Reflexion gilt derselbe Aufbau wie bei jeder Angebotsplanung: Wurden die Feinziele erreicht, und woran habe ich das gesehen? Wo bin ich vom Verlauf abgewichen? Wie waren Stimme, Blickkontakt und Umgang mit Zwischenrufen? Wie hat sich jedes einzelne Kind beteiligt? Konkrete Schwächen samt Alternative zeigen fachliche Selbsteinschätzung.

Definition – Literacy: Alle Erfahrungen rund um Buch-, Erzähl-, Reim- und Schriftkultur. Der Begriff umfasst weit mehr als Lesen und Schreiben und ist ausdrücklich kein Vorziehen des Schulunterrichts.

Regelmäßiges dialogisches Betrachten stärkt Wortschatz, Erzählfähigkeit und phonologische Bewusstheit, also die Fähigkeit, die Lautstruktur von Sprache wahrzunehmen. Sie gilt als einer der besten Voraussagewerte für den späteren Schriftspracherwerb.

In der Assistenzrolle wählst du dein Buch in Absprache mit der Anleitung aus und stimmst Zeitpunkt und Raum mit dem Team ab, die Betrachtung führst du eigenständig durch. Benenne in der Ausarbeitung die berührten Bildungsbereiche: Sprache und Kommunikation immer, je nach Buch zusätzlich soziale und emotionale, musisch-ästhetische oder ökologische Bildung.

Das solltest du dir merken

  • Eine Bilderbuchbetrachtung ist ein Gespräch über eine Geschichte, kein Vortrag: Die Kinder deuten, vermuten und verknüpfen mit ihrem Leben.
  • Wähle das Buch nach den vier A aus: Alter, Anlass, Aussage, Abbildung. Lies es mindestens dreimal, bevor du es in die Prüfung mitnimmst.
  • Der Ablauf gliedert sich in Einstieg (3 bis 5 Minuten), dialogische Betrachtung (10 bis 15 Minuten) und Abschluss (3 bis 5 Minuten).
  • Dialogisches Lesen nach Whitehurst folgt der PEER-Folge aus Prompt, Evaluate, Expand und Repeat. Stelle offene Fragen und lass fünf bis zehn Sekunden Pause.
  • Korrigiere kindliche Äußerungen nicht, sondern gib korrektives Feedback: Wiederhole den Satz beiläufig in korrekter Form.

Vertiefung

Ausführlich mit Buchauswahl nach den vier A, PEER-Folge im Beispieldialog und FAQ: Bilderbuchbetrachtung: Ablauf, Buchauswahl und dialogisches Lesen.

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Häufige Fragen zu dieser Lektion

Was ist der Unterschied zwischen Vorlesen und Bilderbuchbetrachtung?

Beim Vorlesen hören die Kinder zu, bei der Betrachtung werden sie zu Miterzählern: Sie kommen ins Gespräch, deuten Bilder, stellen Vermutungen an und verknüpfen die Geschichte mit ihrem eigenen Leben. Wer in der Prüfung nur den Text herunterliest und am Ende fragt, ob es gefallen hat, verschenkt die Hälfte der Punkte.

Wie wähle ich ein passendes Bilderbuch aus?

Mit den vier A: Alter, Anlass, Aussage und Abbildung. Wackelt eines davon, wählst du ein anderes Buch. Der häufigste Fehler ist ein zu langes und zu textlastiges Buch, denn was du in zwölf Minuten durchliest, dauert mit Gespräch schnell 25 Minuten. Lies dein Buch mindestens dreimal vorher und prüfe, ob die Bilder auch für das hinterste Kind erkennbar sind.

Wie lange darf eine Bilderbuchbetrachtung dauern?

Nach Alter gestaffelt: 5 bis 8 Minuten bei Ein- bis Zweijährigen, 10 bis 15 Minuten bei Drei- bis Vierjährigen und 15 bis 25 Minuten bei Vier- bis Sechsjährigen. Der Ablauf gliedert sich in Einstieg mit etwa 3 bis 5 Minuten, dialogische Betrachtung im Hauptteil mit 10 bis 15 Minuten und Abschluss mit 3 bis 5 Minuten.

Was ist dialogisches Lesen und was bedeutet PEER?

Dialogisches Lesen geht auf Grover Whitehurst und sein Team Ende der 1980er Jahre zurück. Das Gerüst ist die PEER-Folge: Prompt heißt Impuls geben, Evaluate die Antwort wertschätzend aufgreifen, Expand sie sprachlich erweitern und Repeat das Kind die erweiterte Form wiederholen lassen. So wird aus dem Zuhörer ein Miterzähler.

Welche Fragen stelle ich bei einer Bilderbuchbetrachtung?

Offene Fragen sind Pflicht: Beschreibungs-, Vermutungs-, Gefühls-, Erinnerungs- und Transferfragen sowie Ergänzungsimpulse. Zwei bis vier gut gesetzte Impulse in der ganzen Geschichte sind besser als eine Frage pro Seite. Halte Pausen aus, denn Kinder brauchen oft fünf bis zehn Sekunden zum Antworten, mehrsprachige Kinder noch länger.

Welche Gattungen der Kinderliteratur muss ich kennen?

Fünf solltest du benennen können: das erste Bildwörterbuch, das erzählende Bilderbuch, das Sachbilderbuch, das Wimmelbuch sowie das Problem- und Themenbilderbuch. Jede Gattung hat einen anderen Einsatzzweck. Das Wimmelbuch eignet sich zum Beispiel hervorragend für Sprachanlässe, weil es keinen festen Text vorgibt.

8 Fragen

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