Wenn du Prüflinge fragst, welches Angebot sie für die praktische Prüfung gewählt haben, hörst du eine Antwort besonders oft: die Bilderbuchbetrachtung. Das hat gute Gründe. Sie braucht wenig Material, ist in jedem Raum umsetzbar, funktioniert mit drei bis sechs Kindern und lässt sich sauber in Einstieg, Hauptteil und Abschluss gliedern. Gleichzeitig kannst du daran fast alles zeigen, was geprüft wird: Beziehungsgestaltung, Sprachbildung, Gesprächsführung und Umgang mit der Gruppe. Genau deshalb ist sie aber auch anspruchsvoll.
Definition – Bilderbuchbetrachtung: Eine Bilderbuchbetrachtung ist ein angeleitetes Angebot, bei dem Kinder eine Bilderbuchgeschichte gemeinsam mit einer pädagogischen Person erschließen. Anders als beim Vorlesen deuten die Kinder Bilder, stellen Vermutungen an und verknüpfen die Geschichte mit ihrer eigenen Lebenswelt.
Der Ablauf im Überblick
Ritual und Ankommen, Titelbild und Vermutungen, Betrachtung im Dialog, Nachgespräch, Abschluss und Übergang. Zeitlich gegliedert sieht das so aus:
| Phase | Dauer | Was passiert |
|---|---|---|
| Einstieg | 3 bis 5 Minuten | Ritual, Impulsgegenstand oder Titelbild, Neugier wecken, Titel und Urheber nennen |
| Hauptteil | 10 bis 15 Minuten | Erzählen und Gespräch wechseln sich ab, offene Impulse, Zeit zum Schauen |
| Abschluss | 3 bis 5 Minuten | Kurzes Nachgespräch, Rückkehr zum Ritual, Ausblick, Buch in die Leseecke |
Einstieg
Der Einstieg holt die Kinder ab und weckt Neugier. Bewährt haben sich ein festes Ritual (Erzähllicht anzünden lassen, Erzählkissen verteilen), ein kurzes Fingerspiel oder Lied zum Thema, ein Impulsgegenstand aus einem Säckchen oder das gemeinsame Betrachten des Titelbildes. Die Frage “Was seht ihr hier?” öffnet fast immer das Gespräch. Danach nennst du Titel, Autorin oder Autor und Illustration, damit die Kinder erfahren, dass Bücher von Menschen gemacht werden.
Hauptteil
Jetzt wechseln sich Erzählen und Gespräch ab. Du liest oder erzählst eine Seite, lässt den Kindern Zeit zum Schauen und greifst ihre Äußerungen auf. Drei Dinge sind wichtig: Halte das Buch ruhig und lange genug, halte Blickkontakt, weshalb du den Text fast auswendig können solltest, und unterbrich den Spannungsbogen nicht durch zu viele Fragen. Zwei bis vier gut gesetzte Impulse in der ganzen Geschichte sind besser als eine Frage pro Seite.
Abschluss
Am Ende gibst du der Geschichte einen Abschluss: ein kurzes Nachgespräch, eine Rückkehr zum Ritual (Erzähllicht auspusten), ein Lied oder den Ausblick auf ein vertiefendes Angebot. Danach legst du das Buch in die Leseecke, damit die Kinder es allein weiter anschauen können. Ein Kind, das ein Buch nach der Betrachtung selbstständig noch einmal durchblättert, ist der beste Beleg dafür, dass dein Angebot gewirkt hat.
Das richtige Buch auswählen
Kinderliteratur für die Kita lässt sich in Gattungen unterteilen, die du benennen und begründet auswählen können solltest.
| Art | Merkmale | Beispiele |
|---|---|---|
| Erstes Bildwörterbuch | Ein Gegenstand je Seite, kein Handlungsstrang, dicke Pappe | Bildwörterbücher zu Tieren, Fahrzeugen, Alltagsgegenständen |
| Erzählendes Bilderbuch | Zusammenhängende Geschichte, Bild und Text ergänzen sich | Die kleine Raupe Nimmersatt (Eric Carle), Der Grüffelo (Julia Donaldson und Axel Scheffler) |
| Sachbilderbuch | Wissen vermitteln, oft mit Klappen und Detailbildern | Reihen wie Wieso? Weshalb? Warum? |
| Wimmelbuch | Kein oder kaum Text, viele parallele Handlungen zum Entdecken | Jahreszeiten-Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner |
| Problem- und Themenbilderbuch | Greift Gefühle und Lebensthemen auf (Angst, Streit, Anderssein, Tod) | Das kleine Ich bin ich (Mira Lobe), Irgendwie Anders (Kathryn Cave), Heule Eule (Paul Friester) |
Die Altersorientierung hilft bei der engeren Auswahl. Mit ein- bis zweijährigen Kindern nimmst du Pappbilderbücher mit wenigen Wörtern und klaren Bildern, sehr kurz (5 bis 8 Minuten), und lässt das Buch anfassen. Mit zwei- bis dreijährigen Kindern eignen sich kurze Alltagsgeschichten und Reimbücher, den Text erzählst du oft frei. Mit drei- bis vierjährigen Kindern funktionieren erzählende Bilderbücher mit klarer Hauptfigur und überschaubarem Spannungsbogen, etwa 10 bis 15 Minuten. Mit vier- bis sechsjährigen Kindern sind längere Geschichten, Themen- und Sachbilderbücher sowie Wimmelbücher möglich, 15 bis 25 Minuten.
Die Merkhilfe für die Prüfung sind die vier A: Alter (passt Text- und Bildmenge?), Anlass (warum jetzt und für diese Kinder?), Aussage (was trägt die Geschichte inhaltlich?), Abbildung (sind die Bilder auch aus zwei Metern Entfernung erkennbar?). Wenn eines der vier A wackelt, such dir ein anderes Buch.
Die häufigsten Fehlgriffe sind ein zu langes, zu textlastiges Buch, Bücher mit sehr kleinen Bildern, die nur das Kind direkt neben dir sieht, und Bücher, die du selbst kaum kennst. Lies dein Buch mindestens dreimal, bevor du es in die Prüfung mitnimmst.
Vorbereitung und Rahmen
Die eigentliche Arbeit passiert vor dem Angebot. Inhaltlich durchdringst du die Geschichte: Wer sind die Figuren, wo liegt der Höhepunkt, welche Gefühle kommen vor, welche Wörter kennen die Kinder vermutlich nicht? Unbekannte Wörter klärst du entweder vorher oder mitten im Satz nebenbei (“Der Grüffelo hat Klauen, das sind seine spitzen Krallen”).
Organisatorisch entscheidet der Rahmen oft mehr über den Verlauf als das Buch selbst:
- Ort: ruhiger Nebenraum oder abgegrenzte Ecke, keine Durchgangssituation, keine offene Spielkiste im Rücken der Kinder.
- Sitzordnung: Halbkreis auf Kissen oder Bank, jedes Kind sieht das Buch frontal. Unruhige Kinder setzt du nicht nebeneinander, sondern in deine Nähe.
- Buchhaltung: Buch seitlich halten, Arm gestreckt, langsam schwenken. Übe das vor dem Spiegel.
- Zeitpunkt: nicht kurz vor dem Mittagessen und nicht direkt nach dem Toben. Der Vormittag nach dem Freispiel ist meist ideal.
- Ritual: immer derselbe Einstieg. Kinder wissen dann sofort, was kommt, und werden von allein ruhiger.
Neben dem klassischen Buch kannst du die Geschichte auch mit anderen Medien erzählen. Das Kamishibai ist ein kleines Holztheater, in das großformatige Bildkarten geschoben werden. Alle Kinder sehen dasselbe Bild gleich groß, und du hast beide Hände frei. Ergänzend gibt es Erzählsäckchen mit Figuren und Gegenständen sowie die Erzählschiene, auf der Figuren bewegt werden. Alle drei eignen sich hervorragend für die praktische Prüfung.
Dialogisches Lesen und Fragetechniken
Das dialogische Lesen geht auf den Psychologen Grover Whitehurst und sein Team zurück (Ende der 1980er Jahre) und gilt als eine der wirksamsten Methoden der frühen Sprachbildung. Der Grundgedanke: Das Kind soll vom Zuhörer zum Miterzähler werden.
| Schritt | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| P wie Prompt | Impuls oder Frage geben | ”Was macht die Maus denn da?” |
| E wie Evaluate | Antwort wertschätzend aufgreifen | ”Genau, sie versteckt sich.” |
| E wie Expand | Antwort sprachlich erweitern | ”Sie versteckt sich hinter dem dicken Baumstamm, weil sie Angst vor dem Fuchs hat.” |
| R wie Repeat | Das Kind einladen, die erweiterte Form zu wiederholen | ”Sagst du das auch mal: Sie versteckt sich hinter dem Baumstamm?” |
Für die Impulse brauchst du ein Repertoire an Fragearten. Prüfungskommissionen achten sehr genau darauf, ob du offene Fragen stellst, also solche, auf die man nicht mit Ja oder Nein antworten kann:
- Beschreibungsfragen: “Was seht ihr auf diesem Bild?”
- Vermutungsfragen: “Was glaubt ihr, was jetzt passiert?”
- Gefühlsfragen: “Wie geht es dem Hasen gerade?”
- Erinnerungsfragen: “Wer weiß noch, wen die Raupe zuerst getroffen hat?”
- Transferfragen: “Hattest du auch schon mal Angst im Dunkeln?”
- Ergänzungsimpulse: Satzanfang stehen lassen und die Kinder ergänzen lassen, besonders bei Reimen.
Zwei Fehler sind besonders verbreitet. Erstens halten viele Prüflinge Pausen nicht aus und beantworten ihre eigenen Fragen nach zwei Sekunden selbst. Kinder brauchen oft fünf bis zehn Sekunden, mehrsprachige Kinder noch länger. Zähle innerlich langsam bis fünf. Zweitens das Korrigieren kindlicher Äußerungen (“Das heißt nicht ‘gegeht’”). Richtig ist das korrektive Feedback: Du wiederholst den Satz beiläufig in korrekter Form und führst das Gespräch weiter.
Praxisbeispiel: Nuri und die stille Runde
Nuri betrachtet in der praktischen Prüfung mit vier Kindern (3;10 bis 5;2) das Buch “Das kleine Ich bin ich”. Beim Einstieg lässt sie ein selbst genähtes buntes Stofftier aus einem Säckchen wandern, jedes Kind darf es halten und beschreiben. Auf der Seite, auf der das kleine Tier traurig ist, weil es nicht weiß, wer es ist, hält Nuri inne und fragt: “Wie fühlt sich das kleine Tier gerade?” Levi (5;2) sagt: “Traurig, weil keiner es kennt.” Mara (3;10) sagt nichts, zeigt aber auf das gesenkte Köpfchen. Nuri greift beides auf: “Ja, Mara, guck mal, sein Kopf hängt ganz runter. Und Levi sagt, es ist traurig, weil niemand es kennt.” Mara nickt und rückt näher.
Fachlich richtig ist hier vor allem, dass Nuri Maras Zeigegeste als vollwertigen Beitrag behandelt. Beteiligung ist nicht an Sprache gebunden, und gerade jüngere oder mehrsprachige Kinder äußern sich zuerst nonverbal. Indem Nuri die Geste in Worte fasst, bestätigt sie Mara und liefert ihr gleichzeitig die passende Sprache. Genau das ist alltagsintegrierte Sprachbildung, und genau darauf achten Prüfungskommissionen.
Nachbereitung und Vertiefung
Eine Bilderbuchbetrachtung endet nicht mit der letzten Seite. Die Vertiefung macht aus einem einzelnen Angebot ein kleines Projekt und ist in der Prüfung ein starker Punkt, wenn du sie als Ausblick nennen kannst: die Geschichte im Rollenspiel oder mit Handpuppen nachspielen, eine Lieblingsszene malen, die Geschichte mit dem Kamishibai selbst nacherzählen lassen, ein passendes Lied oder Bewegungsspiel anschließen, oder beim Thema Essen, Tiere oder Jahreszeiten in ein Koch-, Natur- oder Sinnesangebot übergehen.
Hilfreich als Begründung ist der Begriff Literacy. Er bezeichnet alle Erfahrungen rund um Buch-, Erzähl-, Reim- und Schriftkultur und ist ausdrücklich kein Vorziehen des Schulunterrichts. Regelmäßiges dialogisches Betrachten stärkt Wortschatz, Erzählfähigkeit und phonologische Bewusstheit, also die Fähigkeit, die Lautstruktur von Sprache wahrzunehmen. Diese gilt als einer der besten Voraussagewerte für den späteren Schriftspracherwerb.
Das musst du für die Prüfung wissen
Typische Aufgabenstellungen lauten: “Worin unterscheidet sich eine Bilderbuchbetrachtung vom Vorlesen?”, “Nach welchen Kriterien haben Sie dieses Buch für diese Kinder ausgewählt?”, “Erklären Sie das dialogische Lesen und geben Sie zwei Beispielimpulse” oder “Ein Kind ruft ständig dazwischen und erzählt von seinem Hund. Wie reagieren Sie?”.
Darauf kommt es an:
- Beschreibe den Ablauf in Phasen mit Zeitangaben und nenne für den Einstieg eine konkrete Methode.
- Begründe deine Buchauswahl mit den vier A und mit einem Bezug zur Situation der Gruppe.
- Nenne die PEER-Folge vollständig und gib zu jedem Schritt einen Beispielsatz.
- Zähle mindestens drei Fragearten auf und formuliere sie als offene Fragen.
- Benenne die Bildungsbereiche, die dein Angebot berührt: Sprache und Kommunikation immer, je nach Buch zusätzlich soziale und emotionale, musisch-ästhetische oder ökologische Bildung.
- Aus der Assistenzperspektive: Du wählst das Buch in Absprache mit deiner Anleitung aus und stimmst Zeitpunkt und Raum mit dem Team ab. Die Betrachtung selbst führst du eigenständig durch.
Im kostenlosen Lernpfad
Diese Inhalte sind auch Teil des kostenlosen Lernpfads: Lektion 6.3: Kinderliteratur und Bilderbuchbetrachtung.
Quellen
- Whitehurst, G. J. und Team: Dialogisches Lesen mit der PEER-Folge, Ende der 1980er Jahre
- Bildungspläne der Bundesländer für Kindertageseinrichtungen: Bildungsbereich Sprache und Kommunikation, Literacy und phonologische Bewusstheit
- Im Text genannte Bilderbücher: Eric Carle (Die kleine Raupe Nimmersatt), Julia Donaldson und Axel Scheffler (Der Grüffelo), Mira Lobe (Das kleine Ich bin ich), Kathryn Cave (Irgendwie Anders), Paul Friester (Heule Eule), Rotraut Susanne Berner (Jahreszeiten-Wimmelbücher)
Wissen anwenden statt nur lesen
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Häufige Fragen
Wie läuft eine Bilderbuchbetrachtung ab?
In fünf Schritten: Ritual und Ankommen, Titelbild und Vermutungen, Betrachtung im Dialog, Nachgespräch, Abschluss und Übergang. Zeitlich gegliedert in Einstieg (3 bis 5 Minuten), Hauptteil (10 bis 15 Minuten) und Abschluss (3 bis 5 Minuten).
Was ist der Unterschied zwischen Vorlesen und Bilderbuchbetrachtung?
Beim Vorlesen hören die Kinder zu. Bei der Betrachtung kommen sie ins Gespräch, deuten Bilder, stellen Vermutungen an und verknüpfen die Geschichte mit ihrem eigenen Leben. Eine Betrachtung ist ein Gespräch über eine Geschichte, kein Vortrag.
Nach welchen Kriterien wählst du ein Bilderbuch aus?
Nach den vier A: Alter (passt Text- und Bildmenge?), Anlass (warum jetzt und für diese Kinder?), Aussage (was trägt die Geschichte inhaltlich?) und Abbildung (sind die Bilder auch aus zwei Metern erkennbar?).
Was ist dialogisches Lesen und was bedeutet PEER?
Dialogisches Lesen macht das Kind vom Zuhörer zum Miterzähler. Die PEER-Folge lautet: Prompt (Impuls geben), Evaluate (Antwort wertschätzend aufgreifen), Expand (sprachlich erweitern), Repeat (das Kind zur erweiterten Form einladen).
Wie viele Fragen soll man während der Betrachtung stellen?
Zwei bis vier gut gesetzte offene Gesprächsimpulse in der ganzen Geschichte sind besser als eine Frage pro Seite. Zu viele Fragen unterbrechen den Spannungsbogen.
Was ist ein Kamishibai?
Ein kleines Holztheater, in das großformatige Bildkarten geschoben werden. Vorteil: Alle Kinder sehen dasselbe Bild gleich groß und du hast beide Hände frei. Ergänzend gibt es Erzählsäckchen und die Erzählschiene.