Modul 9 · Lektion 4/5

Zusammenarbeit mit Eltern und Bezugspersonen

Lektion 9.4 des kostenlosen Lernpfads: Erziehungspartnerschaft, sechs Formen der Zusammenarbeit und die Gesprächsmodelle, die in der Prüfung gefragt sind.

Aktualisiert: August 2026

Die Zusammenarbeit mit Familien ist in fast allen Bundesländern ein eigener Ausbildungsschwerpunkt: in Baden-Württemberg als Handlungsfeld 5 “Eltern und Bezugspersonen”, in Niedersachsen als Modul “Arbeit mit Familien und Bezugspersonen”, in Nordrhein-Westfalen in den Lernfeldern zum Kommunizieren und Kooperieren. Für die Assistenzrolle gilt: Tür-und-Angel-Gespräche führst du selbständig, bei Entwicklungsgesprächen, Konflikten und allem rund um Diagnosen oder Kinderschutz wirkst du mit, führst aber nicht.

Von der Elternarbeit zur Erziehungspartnerschaft

Definition – Erziehungs- und Bildungspartnerschaft: die gleichberechtigte, dialogische Zusammenarbeit zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern zum Wohl des Kindes. Beide Seiten bringen eine eigene Fachlichkeit ein: Eltern kennen ihr Kind am besten, die Einrichtung bringt pädagogisches Wissen und den Blick auf das Kind in der Gruppe ein.

Der ältere Begriff Elternarbeit steht für ein Verhältnis, in dem die Einrichtung weiß, was richtig ist, und die Eltern es umsetzen sollen. Seit den 1990er-Jahren hat sich der Partnerschaftsbegriff durchgesetzt.

AspektElternarbeit (alt)Erziehungspartnerschaft (heute)
VerhältnisHierarchisch, die Einrichtung weiß es besserPartnerschaftlich, auf Augenhöhe
KommunikationEinseitig, die Einrichtung informiertDialogisch und gegenseitig
ElternbildDefizitorientiertRessourcenorientiert
ZielEltern setzen Vorgaben umGemeinsame Förderung des Kindes

Rechtlich ist die Zusammenarbeit Pflicht, keine Zugabe. Art. 6 Abs. 2 GG stellt die Erziehung zuerst als Recht und Pflicht der Eltern fest. § 22 Abs. 2 SGB VIII verlangt Förderung in Übereinstimmung mit den Eltern, § 22a Abs. 2 SGB VIII die Beteiligung der Erziehungsberechtigten an wesentlichen Entscheidungen, und § 45 Abs. 2 Nr. 3 SGB VIII fordert Verfahren der Beteiligung und der Beschwerde. Eingeführt wurden diese durch das Bundeskinderschutzgesetz zum 01.01.2012, das KJSG hat 2021 nur das Gewaltschutzkonzept und die Selbstvertretung ergänzt.

Hinter fast jedem fordernden Elternverhalten steht Sorge um das eigene Kind. Wer es als Engagement statt als Angriff deutet, findet leichter in den Dialog. Genau diese ressourcenorientierte Umdeutung erwarten Prüfungsaufgaben zur professionellen Haltung.

Formen der Zusammenarbeit

FormBeschreibungBeispiele
InformationEltern werden über Einrichtungsbelange informiertAushang, Elternbrief, Kita-App
AustauschRegelmäßiger Dialog über das KindTür-und-Angel-Gespräch, Entwicklungsgespräch
BeteiligungEltern wirken an Entscheidungen mitElternbeirat, Rückmeldung zur Konzeption
MitarbeitEltern bringen sich aktiv einFeste, Vorlesen in der Familiensprache
BeratungDie Einrichtung berät und vermittelt weiterErziehungsberatung, Frühförderung, Logopädie
BildungEltern erweitern ihre KompetenzenThemenabend, Elterncafé, Elternkurs

Als Merkhilfe dient der Satz “Immer achtsam bleiben, miteinander besser bilden”. Die Reihenfolge zeigt die wachsende Intensität, von der einseitigen Information bis zur Elternbildung.

Die Eingewöhnung legt den Grundstein dieser Partnerschaft. Dazu gehören ein ausführliches Aufnahmegespräch über die Gewohnheiten des Kindes, eine realistische Auskunft über die Dauer, tägliche Rückmeldung, ein Tempo am Kind orientiert und ein Reflexionsgespräch. Der Ablauf: Aufnahmegespräch, begleitete Anfangsphase, erste Trennungsversuche, Stabilisierung, Reflexionsgespräch. Bekannt sind das Berliner Eingewöhnungsmodell (bindungstheoretisch, mit Grundphase, erstem Trennungsversuch und Stabilisierung) und das Münchener Eingewöhnungsmodell, das die Kindergruppe einbezieht.

Das Tür-und-Angel-Gespräch

Kurze Kontakte beim Bringen und Abholen wirken beiläufig, sind aber die häufigste und wirksamste Form der Zusammenarbeit. Drei Dinge machen sie gut: Sie sind konkret (“Lasse hat heute zum ersten Mal allein die Jacke zugemacht” statt “Es war alles gut”), zweiseitig und auf kleine Themen begrenzt. Alles, was Sorge auslösen könnte, gehört in einen geschützten Rahmen.

Achte auf drei Stolpersteine: die Öffentlichkeit der Garderobe, weil andere Eltern und die Kinder mithören. Die Zeitnot, denn ein Terminangebot ist professioneller als etwas Halbes. Und die Rollenfrage: Auskünfte über Entwicklungsstand, Diagnosen oder Beschwerden gibst du nicht selbst.

Gespräche führen: Modelle und Haltung

ModellKernaussageAnwendung
RogersEmpathie, Kongruenz (Echtheit), unbedingte WertschätzungGrundhaltung in jedem Gespräch
GordonAktives Zuhören, Ich-Botschaften statt Du-BotschaftenEltern fühlen sich verstanden
Schulz von ThunVier Seiten einer Nachricht: Sache, Selbstoffenbarung, Beziehung, AppellMissverständnisse aufklären
RosenbergGewaltfreie Kommunikation: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, BitteKonflikte ansprechen ohne Vorwurf

Zum Aktiven Zuhören gehören Paraphrasieren (die Aussage in eigenen Worten wiedergeben), Verbalisieren (das Gefühl dahinter ansprechen), offene Fragen, Zusammenfassen und nonverbale Signale. Wichtig: Aktives Zuhören heißt Verstehen, nicht Zustimmen. Gordon beschrieb außerdem Kommunikationssperren, die ein Gespräch abwürgen, obwohl sie gut gemeint sind: Befehlen, Warnen, Moralisieren, vorschnelle Ratschläge, Bewerten, aber auch Trösten (“Das wird schon wieder”).

Ein Entwicklungsgespräch folgt vier Phasen: Vorbereitung (Beobachtungen sichten, Raum und Zeit sichern), Einstieg (Ziel benennen, mit Stärken beginnen, nach der Sicht der Eltern fragen), Kernphase (Beobachtungen teilen, einordnen, Ziele vereinbaren) und Abschluss (Vereinbarungen zusammenfassen, schriftlich festhalten, positiv enden). Als Assistenzkraft bereitest du Beobachtungen zu und nimmst teil, die Gesprächsführung liegt bei der Fachkraft.

Fallbeispiel: der aufgebrachte Vater

Herr Lindner bringt seinen Sohn Jonas (5 Jahre) und spricht Assistentin Frau Behrens laut vor der ganzen Gruppe an: “Jonas hatte gestern schon wieder einen Kratzer im Gesicht. Passt hier eigentlich irgendjemand auf?” Frau Behrens antwortet ruhig, sie sehe seine Sorge und verstehe sie gut, wolle das aber nicht zwischen den Kindern besprechen, und bietet einen Termin mit der Gruppenleitung an. Sie informiert danach sofort ihre Anleiterin und notiert, was der Vater gesagt hat.

Sie hat das Gefühl benannt, den Ort gewechselt und die Fachkraft einbezogen. Falsch wäre gewesen, ein Entwicklungsthema in der vollen Garderobe als fertige Diagnose zu formulieren.

Schwierige Situationen und Vielfalt der Familien

  • Aufgebrachte Eltern: ausreden lassen, Gefühl benennen, Ortswechsel anbieten, erst danach zur Sachebene.
  • Eltern sehen kein Problem: Beobachtungen sachlich schildern, nicht überreden, Gesprächsbereitschaft offen halten.
  • Sprachbarriere: einfache Sprache, Bildkarten, professionelle Dolmetschung. Nie das eigene Kind übersetzen lassen.
  • Verdacht auf Kindeswohlgefährdung: nicht selbst ansprechen, dokumentieren und sofort an die Fachkraft geben.
  • Getrennt lebende Eltern: beide Sorgeberechtigten gleichwertig informieren, keine Partei ergreifen.

Familien sind heute vielfältig: Alleinerziehende, Patchwork-, Pflege- und Regenbogenfamilien, Familien mit Fluchterfahrung, Familien in Armutslagen. Professionell ist, Vielfalt als Normalfall zu behandeln, Sprache und Formulare anzupassen und Väter ebenso selbstverständlich anzusprechen wie Mütter. Begriffe wie Partizipation oder Resilienz verstehen viele Eltern nicht.

Häufige Prüfungsfalle: Wer “die vier Ohren nach Rosenberg” schreibt, verliert Punkte. Zweite Falle: Bei einer Gesprächsanalyse fehlt oft der Fallbezug. Nenne die Namen aus dem Fallbeispiel und formuliere konkrete Sätze.

Das solltest du dir merken

  • Erziehungspartnerschaft heißt Zusammenarbeit auf Augenhöhe, verankert in Art. 6 Abs. 2 GG sowie in § 22 Abs. 2, § 22a Abs. 2 und § 45 SGB VIII.
  • Die sechs Formen lauten Information, Austausch, Beteiligung, Mitarbeit, Beratung, Bildung. Die Eingewöhnung legt das Fundament.
  • Für Gespräche brauchst du Rogers, Gordon, Schulz von Thun und Rosenberg. Ordne die Namen sicher zu, hier gehen die meisten Punkte verloren.
  • Aktives Zuhören heißt Verstehen, nicht Zustimmen. Techniken sind Paraphrasieren, Verbalisieren, offene Fragen und Zusammenfassen.
  • Kleine tägliche Kontakte gestaltest du selbst, große Gespräche führt die Fachkraft.

Wissen anwenden statt nur lesen

Trainiere mit hunderten weiteren prüfungsnahen Fragen im Online-Testtrainer.

Lektionswissen vertiefen

Häufige Fragen zu dieser Lektion

Was ist eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft?

Die gleichberechtigte, dialogische Zusammenarbeit zum Wohl des Kindes: Eltern kennen ihr Kind am besten, die Einrichtung bringt Fachwissen und den Blick auf das Kind in der Gruppe ein. Der alte Begriff Elternarbeit steht dagegen für ein hierarchisches, defizitorientiertes Verhältnis. Der neue Begriff meint Augenhöhe, Dialog und Ressourcenorientierung.

Worauf beruht die Zusammenarbeit mit Eltern rechtlich?

Auf Artikel 6 Abs. 2 Grundgesetz, § 22 Abs. 2 SGB VIII, § 22a Abs. 2 SGB VIII und § 45 Abs. 2 Nr. 3 SGB VIII mit den Verfahren der Beteiligung und der Beschwerde. Diese Verfahren wurden durch das Bundeskinderschutzgesetz zum 01.01.2012 eingeführt. Das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz hat 2021 nur Gewaltschutzkonzept und Selbstvertretung ergänzt.

Welche Formen der Elternzusammenarbeit gibt es?

Sechs, mit wachsender Intensität: Information, Austausch, Beteiligung, Mitarbeit, Beratung und Bildung. Das reicht vom Aushang und Elternbrief über Tür-und-Angel-Gespräche und Elternabende bis zu Elternbeirat, Mitgestaltung von Festen, Beratungsgesprächen und Elternbildungsangeboten wie einem Vortrag zur Sprachentwicklung. Für Zuordnungsaufgaben in der Prüfung lohnt sich genau diese Reihenfolge.

Welche Elterngespräche darf ich als Assistenzkraft führen?

Tür-und-Angel-Gespräche führst du selbstständig, sie bleiben konkret, zweiseitig und bei kleinen Themen wie Essen, Schlafen oder Organisation. Entwicklungs-, Konflikt- und Kinderschutzgespräche führt die Fachkraft, du wirkst mit. Alles, was Sorge auslösen könnte, gehört in einen geschützten Rahmen und nicht an die Garderobe, wo andere Eltern und die Kinder mithören.

Wie reagiere ich auf einen wütenden Elternteil?

Zuerst ausreden lassen und das Gefühl benennen, etwa dass du seine Sorge um das Kind siehst. Das ist Verbalisieren aus dem aktiven Zuhören. Dann einen Ortswechsel anbieten, weil das Thema nicht zwischen die Kinder gehört, und zwei konkrete Möglichkeiten nennen: ein kurzes Gespräch jetzt oder einen Termin mit der Gruppenleitung. Danach informierst du deine Anleitung und notierst das Gesagte.

Wie kommuniziere ich mit Eltern, die wenig Deutsch sprechen?

Mit einfacher Sprache, Bildkarten und professioneller Dolmetschung. Das eigene Kind übersetzen zu lassen ist ausgeschlossen, weil es das Kind in eine Rolle bringt, die ihm nicht zusteht, und weil die Inhalte oft es selbst betreffen. Klare, einfache Sprache statt Fachbegriffen wie Partizipation oder Resilienz ist generell ein Zeichen von Professionalität.

7 Fragen

Teste dein Wissen zu dieser Lektion

Beantworte alle Fragen nacheinander – mit sofortigem Feedback und Erklärung. Ab 60 % richtigen Antworten gilt die Lektion als abgeschlossen.

Alle Module im Testtrainer üben