Modul 2 · Lektion 2/4

Professionelle Haltung und Bild vom Kind

Professionelle Haltung im Kita-Alltag: die drei Säulen Wissen, Können und Haltung, das heutige Bild vom Kind, Ressourcenorientierung, Nähe und Distanz.

Aktualisiert: August 2026

Zwei Assistenzkräfte erleben dieselbe Szene: Der dreijährige Jonas kippt zum dritten Mal seinen Becher um. Die eine seufzt und sagt “Du schon wieder”. Die andere gibt ihm einen Lappen: “Wisch du mal, ich halte den Becher fest.” Beide haben denselben Abschluss, dasselbe Wissen und denselben Zeitdruck. Der Unterschied liegt in der Haltung. Was das ist und wie du sie entwickelst, klärt diese Lektion.

Was professionelle Haltung ausmacht

Definition – Professionelle Haltung: Die Gesamtheit der Werte, Überzeugungen und Einstellungen, die dein pädagogisches Handeln leiten. Sie zeigt sich nicht darin, was du über Pädagogik sagen kannst, sondern darin, was du tust, wenn niemand zusieht und es stressig wird.

Haltung ist kein Charakterzug, mit dem man geboren wird. Sie entsteht durch Erfahrung und vor allem durch Reflexion. Eine professionelle Kraft kann ihr Handeln begründen: Warum habe ich Jonas den Lappen gegeben, statt selbst zu wischen? Weil ich ihn als jemanden sehe, der etwas kann, und nicht als jemanden, der Ärger macht.

Wissen, Können, Haltung

Professionelles Handeln ruht auf drei Säulen. Erst zusammen ergeben sie Qualität.

SäuleWas gemeint istBeispiel aus der Krippe
WissenTheorien, Methoden, rechtliche GrundlagenDu weißt, dass Kinder in der Eingewöhnung eine feste Bezugsperson brauchen
KönnenWissen in Handeln übersetzenDu bleibst in Lenas Nähe, ohne dich aufzudrängen, und liest ihre Signale
HaltungInnere Einstellung, Werte, Bild vom MenschenDu bist überzeugt, dass Lenas Tempo wichtiger ist als der Zeitplan

Merken kannst du dir die drei als Kopf, Hand, Herz (sinngemäß nach Johann Heinrich Pestalozzi). In der Prüfung reicht Aufzählen nie. Zeig an einer konkreten Situation, dass alle drei nötig sind.

Für die Assistenzrolle gilt dabei eine Besonderheit: Ein großer Teil deiner Arbeitszeit besteht aus Handlungen, die klein wirken. Anziehen, wickeln, Brote schmieren, trösten. Genau darin wird Haltung am sichtbarsten. Ob ein Kind beim Wickeln beteiligt oder abgefertigt wird, entscheidet keine Theorie, sondern deine Haltung.

Das Bild vom Kind

Jede Haltung beruht auf einem Bild vom Kind: einer Grundvorstellung davon, was ein Kind ist und braucht. Dieses Bild hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verschoben.

Überholtes BildHeutiges Bild
Das Kind als unfertiges Wesen, das aufgefüllt wirdDas Kind als kompetenter Akteur seiner Entwicklung
Das Kind als Empfänger von ErziehungDas Kind als aktiver Gestalter seiner Bildungsprozesse
”Das Kind kann noch nicht …""Das Kind kann bereits …”
DefizitorientierungRessourcenorientierung

Der wichtigste Fachbegriff dieser Tabelle ist die Ressourcenorientierung. Sie bedeutet, dass du zuerst darauf schaust, was ein Kind bereits kann, mag und will, bevor du dich mit dem beschäftigst, was noch fehlt. Der Blick beginnt beim Vorhandenen.

Geprägt hat dieses Denken Loris Malaguzzi, der Begründer der Reggio-Pädagogik, mit seinem Bild vom reichen Kind, das hundert Sprachen hat. Ähnlich argumentierte schon in den 1920er Jahren der polnische Arzt und Pädagoge Janusz Korczak: Kinder werden nicht erst zu Menschen, sie sind bereits welche.

Ressourcenorientiert formulieren

Wie sich das Bild vom Kind auswirkt, siehst du am schnellsten in der Sprache. Defizitorientiert klingt eine Notiz so: “Amira will immer noch nicht allein essen und kleckert nur. Beim Anziehen macht sie gar nichts mit.”

Ressourcenorientiert klingt dieselbe Beobachtung anders: “Amira führt den Löffel selbstständig zum Mund und probiert verschiedene Griffe aus. Beim Anziehen streckt sie den Arm Richtung Ärmel, wenn ich ihn hinhalte. Nächster Schritt: ihr mehr Zeit lassen und den Ärmel offen anbieten.” Beschreibend, mit Entwicklungsperspektive.

Ein Praxisbeispiel: Kevin hilft den Kindern beim Anziehen zügig in Jacken und Schuhe, damit die Gruppe rechtzeitig rauskommt. Seine Anleiterin fragt danach: “Wem hilft das Tempo?” Kevin antwortet ehrlich: “Mir.” Beim nächsten Mal beginnt er fünf Minuten früher und hält dem zweijährigen Emil den Schuh nur hin. Emil braucht drei Anläufe und schafft es dann.

Nähe und Distanz

Pädagogische Beziehungen leben von Nähe. Kinder brauchen Zuwendung und Geborgenheit, gerade in der Krippe. Gleichzeitig ist eine Kita kein Zuhause, und du bist nicht Mutter oder Vater. Dieses Spannungsfeld heißt Nähe-Distanz-Problematik.

Zu viel Distanz lässt Kinder sich unsicher fühlen. Zu viel Nähe kann dazu führen, dass du dich emotional verstrickst, einzelne Kinder bevorzugst oder eigene Bedürfnisse über die des Kindes stellst. Professionelle Nähe heißt:

  • Die Nähe geht vom Kind aus. Es bestimmt, ob und wie viel Körperkontakt es möchte.
  • Zuwendung ist transparent. Sie findet in einsehbaren Situationen statt und wird im Team besprochen.
  • Empathie ohne Verstrickung. Du fühlst mit, ohne dich mitreißen zu lassen.
  • Gleiche Aufmerksamkeit für alle. Lieblingskinder sind menschlich, aber zu reflektieren.

Ein Beispiel: Tobias liest vier Kindern vor, die dreijährige Mia klettert auf seinen Schoß. Er zögert, weil ihm jemand gesagt hat, er solle als Mann lieber vorsichtig sein. Gleichzeitig sieht er, dass Mia Geborgenheit sucht, sie ist erst seit drei Wochen eingewöhnt. Tobias lässt sie sitzen, bleibt im Sichtfeld der Kollegin und spricht die Situation am selben Tag in der Anleitung an. Zuwendung, die vom Kind ausgeht, hat für alle Mitarbeitenden gleichermaßen ihren Platz.

Ethische Grenzen: die Reckahner Reflexionen

Was in der pädagogischen Beziehung nicht geht, haben Fachleute 2017 in den Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen zusammengefasst:

  • Kinder haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und seelische Gesundheit.
  • Pädagogische Beziehungen beruhen auf Wertschätzung und Anerkennung.
  • Kinder zu beschämen, zu demütigen oder auszugrenzen ist nicht zulässig.
  • Körperliche oder seelische Gewalt ist nicht zulässig, auch nicht in scheinbar harmlosen Formen wie Essenszwang, erzwungenem Mittagsschlaf oder Ausschluss aus der Gruppe als Strafe.

Hier lauert eine typische Prüfungsfalle: Die Reckahner Reflexionen sind keine Rechtsnorm, sondern ethische Leitlinien. Wer schreibt, eine Kollegin habe damit “gegen das Gesetz verstoßen”, vermischt zwei Ebenen und verliert Punkte. Rechtlich verbindlich sind das Recht auf gewaltfreie Erziehung nach § 1631 BGB und der Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe. Formuliere deshalb: ethisch nicht vertretbar, und je nach Schwere zusätzlich rechtlich unzulässig.

Verbreitet ist außerdem der Irrtum, professionelle Haltung bedeute, immer freundlich zu sein und nie Grenzen zu setzen. Das Gegenteil stimmt: Ein Kind, das ein anderes beißt, wird deutlich gestoppt. “Stopp, ich lasse nicht zu, dass du Ben wehtust” begrenzt die Handlung, “Du bist echt gemein” wertet das Kind ab.

Das solltest du dir merken

  • Haltung zeigt sich im Alltagshandeln, besonders in Pflegesituationen, nicht im Fachvokabular.
  • Die drei Säulen Wissen, Können und Haltung entsprechen Kopf, Hand und Herz und wirken nur zusammen.
  • Das heutige Bild sieht das Kind als kompetenten Akteur, daraus folgt Ressourcenorientierung.
  • Professionelle Nähe geht vom Kind aus, ist transparent und wird im Team besprochen.
  • Die Reckahner Reflexionen von 2017 sind ethische Leitlinien, keine Rechtsnorm. Rechtlich gilt § 1631 BGB.

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Häufige Fragen zu dieser Lektion

Was ist eine professionelle Haltung in der Pädagogik?

Die Gesamtheit der Werte, Überzeugungen und Einstellungen, die dein pädagogisches Handeln leiten. Sie zeigt sich nicht darin, was du über Pädagogik sagen kannst, sondern in dem, was du tust, wenn niemand zusieht und wenn es stressig wird. Haltung ist kein Charakterzug, sie entsteht durch Erfahrung und vor allem durch Reflexion. Professionell ist, wer sein Handeln begründen kann.

Was sind die drei Säulen professionellen Handelns?

Wissen, Können und Haltung, als Merkhilfe Kopf, Hand und Herz, sinngemäß nach Johann Heinrich Pestalozzi. Wissen meint Theorien, Methoden und rechtliche Grundlagen, Können das Übersetzen von Wissen in Handeln, Haltung die innere Einstellung und das Bild vom Menschen. In der Prüfung reicht Aufzählen nicht, du musst das Zusammenspiel an einer konkreten Situation zeigen.

Was bedeutet das heutige Bild vom Kind?

Das Kind gilt als kompetenter Akteur seiner Entwicklung und als aktiver Gestalter seiner Bildungsprozesse, nicht als unfertiges Wesen und Empfänger von Erziehung. Der zentrale Fachbegriff ist Ressourcenorientierung statt Defizitorientierung, also kann bereits statt kann noch nicht. Geprägt haben dieses Bild unter anderem Loris Malaguzzi mit den hundert Sprachen des Kindes und Janusz Korczak.

Was ist der Unterschied zwischen defizitorientiert und ressourcenorientiert?

Eine defizitorientierte Notiz bewertet und beschreibt, was fehlt, etwa: Amira will immer noch nicht allein essen. Eine ressourcenorientierte Notiz beschreibt, was das Kind bereits tut, und benennt einen nächsten Schritt, etwa: Amira führt den Löffel selbstständig zum Mund und probiert verschiedene Griffe aus, nächster Schritt ist, ihr mehr Zeit zu lassen. Solche Notizen umzuformulieren ist eine klassische Prüfungsaufgabe.

Wie viel Nähe zu Kindern ist professionell?

Die Nähe geht immer vom Kind aus, es bestimmt, ob und wie viel Körperkontakt es möchte. Zuwendung findet transparent und in einsehbaren Situationen statt, also im Sichtfeld von Kolleginnen und Kollegen. Dazu gehören Empathie ohne Verstrickung und gleiche Aufmerksamkeit für alle Kinder. Sprich Grenzsituationen in der Anleitung an, damit im Team festgehalten wird, was für alle gilt.

Was sind die Reckahner Reflexionen?

Ethische Leitlinien zur Ethik pädagogischer Beziehungen aus dem Jahr 2017. Sie schließen Beschämen, Demütigen und Ausgrenzen sowie körperliche und seelische Gewalt aus, auch in Formen wie Essenszwang, erzwungenem Mittagsschlaf oder Ausschluss aus der Gruppe als Strafe. Prüfungsfalle: Sie sind keine Rechtsnorm. Rechtlich verbindlich sind das Recht auf gewaltfreie Erziehung nach § 1631 BGB und der Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe.

7 Fragen

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