In deinem Beruf kommunizierst du mit drei sehr unterschiedlichen Gruppen: mit Kindern, mit Eltern und mit dem Team. Jede braucht eine andere Sprache, und überall entstehen Missverständnisse, wenn du die Grundregeln nicht kennst. In Hamburg gibt es dafür sogar ein eigenes Prüfungsfach namens Sprache und Kommunikation.
Man kann nicht nicht kommunizieren
Der bekannteste Satz der Kommunikationstheorie stammt von Paul Watzlawick und ist das erste seiner fünf Axiome. Ein Axiom ist ein Grundsatz, der nicht bewiesen werden muss. Gemeint ist: Auch Schweigen oder ein Blick auf die Uhr sendet eine Botschaft. Wenn du ein Kind begrüßt, ohne es anzuschauen, hat es bereits eine Nachricht über eure Beziehung empfangen.
Das Vier-Ohren-Modell nach Schulz von Thun
Das wichtigste Modell im pädagogischen Bereich stammt von Friedemann Schulz von Thun: Jede Nachricht hat vier Seiten, und jeder Empfänger hat vier Ohren.
| Seite | Leitfrage | Beispiel: “Der Ben hat schon wieder Sand in den Haaren.” |
|---|---|---|
| Sachinhalt | Worüber informiere ich? | In Bens Haaren ist Sand. |
| Selbstoffenbarung | Was gebe ich von mir preis? | Ich ärgere mich, weil ich abends Haare waschen muss. |
| Beziehung | Was halte ich vom Gegenüber? | Sie passen nicht gut genug auf mein Kind auf. |
| Appell | Wozu möchte ich veranlassen? | Bürsten Sie ihm die Haare aus. |
Missverständnisse entstehen, wenn Sender und Empfänger auf unterschiedlichen Ohren sind. Der Vater meint nur die Sachebene, du hörst mit dem Beziehungsohr und fühlst dich angegriffen. Merken kannst du dir die vier Seiten als SSBA. Verwechsle Schulz von Thun (vier Seiten) nicht mit Watzlawick (fünf Axiome).
Definition – Vier-Ohren-Modell: Ein Modell, nach dem jede Äußerung gleichzeitig vier Botschaften enthält und auf vier verschiedenen Ebenen gehört werden kann.
Die häufigste Prüfungsfalle: Die vier Seiten aufzählen können die meisten. Punkte gibt es erst, wenn du die Äußerung aus dem Fallbeispiel auf allen vier Seiten durchspielst und erklärst, auf welchem Ohr gehört wurde.
Aktives Zuhören nach Rogers und Gordon
Das aktive Zuhören geht auf den Psychologen Carl Rogers zurück. Thomas Gordon hat es für den pädagogischen Alltag ausgearbeitet und um die Ich-Botschaften ergänzt. Es bedeutet, nicht nur Worte aufzunehmen, sondern das Gefühl dahinter zu erfassen und zurückzumelden. Vier Techniken gehören dazu.
| Technik | Was du tust | Beispiel |
|---|---|---|
| Paraphrasieren | Den Inhalt in eigenen Worten wiedergeben | ”Du wolltest mitbauen und Mattis hat Nein gesagt.” |
| Verbalisieren | Das wahrgenommene Gefühl benennen | ”Das klingt, als wärst du richtig traurig.” |
| Offene Fragen stellen | Offen nachhaken, ohne zu bewerten | ”Magst du erzählen, was passiert ist?” |
| Zusammenfassen | Das Gehörte am Ende bündeln | ”Habe ich richtig verstanden, dass …?” |
Rogers beschrieb außerdem drei Grundhaltungen, die gern einzeln abgefragt werden: Empathie (einfühlendes Verstehen), Kongruenz (Echtheit) und Akzeptanz (Wertschätzung unabhängig vom Verhalten).
Ein Beispiel: Der fünfjährige Luis sagt beim Frühstück plötzlich: “Ich will hier nicht mehr hin.” Die Assistentin Neele setzt sich neben ihn: “Das klingt, als wäre gerade etwas nicht schön für dich.” Luis erzählt daraufhin, dass Mattis ihn beim Bauen nicht mitmachen ließ. Neele fasst zusammen: “Du wolltest mitbauen und Mattis hat gesagt, das geht nicht. Da bist du traurig geworden.” Mit einem “Ach Quatsch, hier ist es doch schön” wäre das Gespräch sofort beendet gewesen.
Ich-Botschaften
Die Ich-Botschaft geht auf Thomas Gordon zurück. Sie ersetzt den Vorwurf durch eine Aussage über die eigene Wahrnehmung und das eigene Gefühl. Dein Gegenüber muss sich nicht verteidigen und kann eher zuhören. Sie hat drei Teile:
- Was ich sehe (Beobachtung ohne Bewertung)
- Wie es mir damit geht (das eigene Gefühl)
- Was ich mir wünsche (Wirkung oder Wunsch)
Eine Du-Botschaft klingt so: “Du bist immer so laut, du störst hier alle!” Verallgemeinerung plus Bewertung, und das Kind hört: Mit mir stimmt etwas nicht. Als Ich-Botschaft klingt es anders: “Ich höre gerade sehr viele laute Stimmen. Davon bekomme ich Kopfschmerzen und kann Marie nicht verstehen. Ich wünsche mir, dass ihr leiser sprecht.” Jetzt hört das Kind: Mein Verhalten wirkt.
Eine Erweiterung ist die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg mit vier Schritten: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte. Merke: Eine Bitte muss ablehnbar sein, sonst ist sie eine Forderung.
Kommunikation mit Kindern
Bei Kindern unter drei Jahren transportieren Mimik, Gestik und Stimmlage weit mehr als der Wortlaut. Ein ruhiger, warmer Tonfall beruhigt ein weinendes Kind zuverlässiger als jeder Erklärungssatz.
| Prinzip | Umsetzung im Alltag |
|---|---|
| Auf Augenhöhe | Hinknien, Blickkontakt, den Namen des Kindes nennen |
| Altersangemessen | Kurze Sätze, ein Auftrag auf einmal, vertraute Wörter |
| Positiv formulieren | ”Trage die Schere mit der Spitze nach unten” statt “Renn nicht” |
| Handeln sprachlich begleiten | ”Ich ziehe dir jetzt den linken Ärmel hoch” statt schweigendem Anziehen |
| Zeit lassen | Nach einer Frage mehrere Sekunden warten |
Das sprachliche Begleiten von Handlungen ist für die Assistenzrolle besonders wichtig, weil es Pflege und Sprachförderung verbindet. Wer beim Wickeln, Anziehen und Tischdecken erzählt, was passiert, schafft nebenbei eine der wirksamsten Sprachfördersituationen des Tages.
Ein häufiger Irrtum: Gute Kommunikation sei eine Harmonietechnik. Konflikte werden ausdrücklich angesprochen und Grenzen deutlich benannt, nur ohne Vorwurf, Diagnose oder Drohung. Wer ein Kind stoppt, kommuniziert nicht schlecht, sondern klar.
Elternkontakt in der Assistenzrolle
Hier zeigt sich der Unterschied zur Fachkraft deutlich. Du hast täglich Elternkontakt an Tür und Garderobe, oft mehr als die Gruppenleitung. Trotzdem liegen Entwicklungsgespräche und Auskünfte über andere Kinder nicht bei dir.
| Deine Themen an der Tür | Themen für die Fachkraft |
|---|---|
| Wie der Tag gelaufen ist, was das Kind gegessen und gespielt hat | Einschätzungen zum Entwicklungsstand, Empfehlungen für Förderung oder Diagnostik |
| Organisatorisches wie Wechselkleidung oder Abholzeiten | Auskünfte über andere Kinder, alles zu Kindeswohlgefährdung |
Ein Beispiel: Beim Abholen sagt Herr Demir laut: “Schon wieder ist die Matschhose von Elif weg. Passt hier eigentlich irgendjemand auf?” Die Assistentin Jana will sich rechtfertigen, hört stattdessen bewusst auf die Selbstoffenbarungsseite: Er ist gestresst und hat den Eindruck, dass die Sachen seiner Tochter nicht wertgeschätzt werden. Sie antwortet: “Ich verstehe, dass Sie sich ärgern. Ich schaue gleich mit Ihnen nach und gebe im Team weiter, dass wir die Matschsachen besser sortieren müssen.”
Für Prüfungsaufgaben dieser Art brauchst du drei Bausteine: eine Deeskalationsformulierung, die Zuordnung zu einem Modell und den Hinweis auf die Weitergabe an das Team. Diese Kombination macht eine Antwort auf Assistenzniveau vollständig.
Das solltest du dir merken
- Man kann nicht nicht kommunizieren: Auch Schweigen sendet eine Botschaft (Watzlawick, erstes Axiom).
- Jede Nachricht hat vier Seiten: Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung, Appell. In der Prüfung alle vier durchspielen.
- Aktives Zuhören nach Rogers arbeitet mit Spiegeln, Nachfragen und Zusammenfassen, Grundlage sind Empathie, Kongruenz und Akzeptanz.
- Eine Ich-Botschaft besteht aus Beobachtung, Gefühl und Wunsch.
- Im Elternkontakt gilt für dich: Organisatorisches ja, Entwicklungseinschätzungen nein.
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Häufige Fragen zu dieser Lektion
Was besagt das Vier-Ohren-Modell?
Nach Friedemann Schulz von Thun hat jede Nachricht vier Seiten: Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell, kurz SSBA. Die Leitfragen lauten: Worüber informiere ich, was gebe ich von mir preis, was halte ich vom Gegenüber, wozu möchte ich veranlassen. Missverständnisse entstehen, wenn Sender und Empfänger auf unterschiedlichen Ohren sind.
Was heißt man kann nicht nicht kommunizieren?
Das ist das erste Axiom von Paul Watzlawick, also ein Grundsatz, der nicht bewiesen werden muss. Auch Schweigen, Wegschauen oder ein Blick auf die Uhr sendet eine Botschaft. Für die Prüfung wichtig: Watzlawick hat fünf Axiome, Schulz von Thun vier Seiten. Beide Modelle werden häufig verwechselt.
Was ist aktives Zuhören und von wem stammt es?
Aktives Zuhören geht auf Carl Rogers zurück, Thomas Gordon hat es für den pädagogischen Alltag ausgearbeitet und um die Ich-Botschaften ergänzt. Es arbeitet mit vier Techniken: Paraphrasieren, also den Inhalt in eigenen Worten wiedergeben, Verbalisieren, also das wahrgenommene Gefühl ansprechen, offene Fragen stellen und Zusammenfassen.
Wie formuliere ich eine Ich-Botschaft?
Eine Ich-Botschaft nach Thomas Gordon hat drei Teile: die Beobachtung ohne Bewertung, das eigene Gefühl und die Wirkung oder den Wunsch. Aus dem Vorwurf Du bist immer so laut wird damit: Ich höre gerade sehr viele laute Stimmen, davon bekomme ich Kopfschmerzen, ich wünsche mir, dass ihr am Tisch leiser sprecht. Weil kein Vorwurf im Raum steht, muss sich niemand verteidigen.
Welche drei Grundhaltungen nennt Carl Rogers?
Empathie als einfühlendes Verstehen, Kongruenz als Echtheit, du spielst also nichts vor, und unbedingte Wertschätzung als Akzeptanz. Die dritte Haltung steht in Lehrbüchern mal als Wertschätzung, mal als Akzeptanz, gemeint ist beide Male dasselbe: das Gegenüber annehmen, unabhängig von seinem Verhalten. Diese drei Haltungen werden gern einzeln abgefragt.
Welche Elterngespräche darf ich als Assistenzkraft führen?
Tagesablauf, Essen, Schlafen und organisatorische Absprachen gehören an die Tür und damit in deine Zuständigkeit. Einschätzungen zum Entwicklungsstand, Empfehlungen für Förderung oder Diagnostik, Auskünfte über andere Kinder und alles rund um Kindeswohlgefährdung gehören zur Fachkraft. Bei Unsicherheit gilt: zuhören, nichts bewerten und an die Fachkraft weiterleiten.
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