Entwicklung und Beobachtung

Prüfungsfragen Entwicklung und Beobachtung mit Lösungen

Vier Fallaufgaben zu Entwicklung und Beobachtung, wie sie in der schriftlichen Prüfung vorkommen. Musterlösung und Bewertungskriterien sind vollständig hinterlegt.

Aufgabe 1: Beobachtungsprotokoll auswerten (20 Punkte)

Im Team der Kita Pusteblume ist die Frage aufgekommen, wie Merle (3;2) im Freispiel Kontakt zu anderen Kindern aufnimmt. Die sozialpädagogische Assistentin Kira soll dazu zehn Minuten gezielt beobachten. Sie gibt anschließend folgende Notiz ab:

"Dienstag, Freispiel. Merle war heute wieder total zurückgezogen und traurig. Sie spielt sowieso immer allein, weil sie zu Hause kaum Anregung bekommt. Um kurz nach halb zehn hat sie sich an den Maltisch gesetzt und lustlos herumgekritzelt. Als Ida und Bo dazukamen, war sie eifersüchtig und hat den Stift weggeworfen. Sie ist einfach ein schwieriges Kind, das schon am ersten Tag geschrien hat."

Die pädagogische Fachkraft gibt Kira die Notiz zurück und bittet sie, die Beobachtung neu aufzuschreiben.

  1. Erläutern Sie am Text, warum diese Notiz für die Arbeit im Team nicht brauchbar ist. Trennen Sie dabei Beschreibung und Interpretation. (6 Punkte)
  2. Formulieren Sie die Beobachtung sachlich neu. Erfinden Sie dazu passende, realistische Angaben und trennen Sie einen Beschreibungsteil deutlich von einem gekennzeichneten Deutungsteil. (8 Punkte)
  3. Benennen und erläutern Sie drei Beobachtungsfehler, die in Kiras Notiz erkennbar sind, und nennen Sie zu jedem eine konkrete Gegenmaßnahme. (6 Punkte)
Musterlösung anzeigen

Zu 1 (Kritik am Text): Die Notiz vermischt durchgehend Beschreibung und Deutung und enthält fast nur Bewertungen. Nicht beobachtbar und damit unzulässig sind: "total zurückgezogen und traurig", "spielt sowieso immer allein", "weil sie zu Hause kaum Anregung bekommt", "lustlos", "eifersüchtig", "ein schwieriges Kind". Gefühle, Ursachen und Charaktereigenschaften kann niemand sehen, sie werden hier als Tatsachen behauptet. Zusätzlich fehlen die handwerklichen Bestandteile: genaue Uhrzeit, Situation, Dauer, wörtliche Zitate und eine klare Beobachtungsfrage. Die Aussage über das Zuhause ist eine Vermutung über die Familie und gehört keinesfalls in eine Beobachtungsnotiz. Brauchbar sind allenfalls die Kerne: Merle setzt sich an den Maltisch, malt, Ida und Bo kommen dazu, Merle legt den Stift ab. Ein hilfreicher Prüfstein ist die Frage: Könnte eine Kamera das aufnehmen? Alles, was eine Kamera nicht filmen kann, gehört nicht in die Beschreibung, sondern höchstens in einen klar gekennzeichneten Deutungsteil. Weil die Notiz das nicht trennt, kann das Team daraus keine Konsequenzen ableiten, und die ursprüngliche Beobachtungsfrage nach der Kontaktaufnahme wird gar nicht beantwortet.

Zu 2 (Neuformulierung): Beispiel: "Dienstag, 17.09., Freispiel im Gruppenraum, Beobachtungsfrage: Wie nimmt Merle (3;2) Kontakt zu anderen Kindern auf? Beobachtungszeit 9:30 bis 9:40 Uhr, nicht teilnehmende Beobachtung vom Rand aus. 9:31 Uhr: Merle setzt sich allein an den Maltisch und malt mit einem roten Stift Kreise auf ein Blatt. 9:34 Uhr: Sie schaut zweimal zu Ida und Bo hinüber, die am Nachbartisch kleben. 9:36 Uhr: Ida und Bo setzen sich an denselben Tisch. Merle legt den Stift auf den Tisch, zieht ihr Blatt zu sich heran und sagt: 'Das ist meins.' 9:38 Uhr: Sie bleibt am Tisch sitzen und malt nach etwa einer Minute weiter, ohne die beiden anzusprechen. 9:40 Uhr: Ende der Beobachtung. Mögliche Deutung (Vermutung): Merle sucht Nähe zu den anderen Kindern, sichert dabei zunächst ihren eigenen Bereich. Weitere Beobachtungen zu anderen Tageszeiten sind nötig, um das einzuschätzen. Weitergabe an die Gruppenleitung."

Zu 3 (Beobachtungsfehler): Erwartet werden drei der folgenden. Erster Eindruck: "hat schon am ersten Tag geschrien" prägt das Bild bis heute. Gegenmaßnahme: mehrfach und zu verschiedenen Tageszeiten beobachten und sich bewusst auf die aktuelle Situation beziehen. Halo-Effekt: Ein Merkmal, hier "schwieriges Kind", überstrahlt alle weiteren Wahrnehmungen. Gegenmaßnahme: nur beobachtbares Verhalten notieren und die Notiz mit mindestens einer weiteren Person abgleichen. Logischer Fehler: Von "spielt allein" wird ohne Beleg auf "traurig" und "zurückgezogen" geschlossen. Gegenmaßnahme: Beschreibung und Deutung im Protokoll optisch trennen und Deutungen ausdrücklich als Vermutung kennzeichnen. Projektion: Kira schreibt Merle Gefühle zu, die sie selbst in der Situation hätte ("eifersüchtig"). Gegenmaßnahme: nur Verhalten und wörtliche Äußerungen festhalten. Sich selbst erfüllende Prophezeiung: Wer ein Kind für schwierig hält, verhält sich ihm gegenüber anders und bestätigt so das eigene Bild. Gegenmaßnahme: kollegialer Austausch und Wechsel der beobachtenden Person. Wichtig für die volle Punktzahl: Beobachtungsfehler lassen sich nicht abschalten, sondern nur begrenzen. Die Aussage "man muss einfach objektiv beobachten" ist keine Gegenmaßnahme.

Pflicht und Zusatz auf einen Blick

Zwingend für die volle Punktzahl: Teilaufgabe 1: vier am Text belegte Bewertungen, die fehlenden Formalien, der Kameratest oder eine gleichwertige Begründung. Teilaufgabe 2: Datum, Uhrzeit, Situation und Beobachtungsfrage, durchgehend beobachtbares Verhalten mit mindestens einem wörtlichen Zitat, ein klar getrennter und als Vermutung gekennzeichneter Deutungsteil, die Weitergabe an die Fachkraft. Teilaufgabe 3: drei Fehler und je eine konkrete Gegenmaßnahme.

Zusatz und Vertiefung, ohne eigene Punkte: Alles, was über die Pflichtliste hinausgeht: zusätzliche Beispiele, weitere Fachbegriffe, Merksätze und die ergänzenden Hinweise am Ende der Absätze. Fachlich richtig und lesenswert, unter Klausurbedingungen aber verzichtbar.

Zeitrahmen: Für eine Fallaufgabe dieses Umfangs sind etwa 30 Minuten vorgesehen. Handschriftlich sind das realistisch 300 bis 450 Wörter. Deshalb zuerst die Pflichtliste vollständig abarbeiten und den Zusatz nur ergänzen, wenn Zeit bleibt. Die Musterlösung erklärt bewusst mehr, als eine Klausurantwort leisten muss.

Bewertungskriterien

  • Teilaufgabe 1: mindestens vier Bewertungen aus dem Text belegt zitiert (3 P), fehlende Formalien wie Uhrzeit, Dauer, Zitate, Beobachtungsfrage genannt (2 P), Kameratest oder gleichwertige Begründung angeführt (1 P). Insgesamt 6 Punkte.
  • Teilaufgabe 2: Datum, Uhrzeit, Situation und Beobachtungsfrage vorhanden (2 P), durchgehend beobachtbares Verhalten mit mindestens einem wörtlichen Zitat (3 P), Deutungsteil klar getrennt und als Vermutung gekennzeichnet (2 P), Hinweis auf Weitergabe an die Fachkraft oder weitere Beobachtung (1 P). Insgesamt 8 Punkte.
  • Teilaufgabe 3: drei Fehler korrekt benannt (3 P), je eine passende, konkrete Gegenmaßnahme (3 P). Insgesamt 6 Punkte.
  • Punktabzug, wenn die neue Notiz weiterhin Gefühlszuschreibungen ohne Kennzeichnung enthält oder Vermutungen über die Familie aufstellt.
  • Punktabzug, wenn die Lösung die Auswertung und ein Elterngespräch der Assistenzkraft zuweist. Sie beobachtet, dokumentiert und gibt weiter, die Fachkraft wertet aus und führt die Gespräche.

Aufgabe 2: Entwicklungsstand nach Piaget einordnen (20 Punkte)

Beim Nachmittagssnack in der Kita Seestern gibt es Apfelschorle. Ruben (4;7) und Lotta (5;0) bekommen die gleiche Menge, Ruben aber in ein hohes schmales Glas, Lotta in einen breiten Becher. Ruben zeigt auf Lottas Becher und ruft: "Die hat mehr! Das ist unfair." Die Assistenzkraft erklärt ihm, dass sie beide Gläser aus derselben Flasche gefüllt hat und dass es gleich viel ist. Ruben bleibt dabei: "Nein, meins ist höher, da ist mehr drin."

Kurz darauf stößt Ruben mit dem Ellenbogen gegen den Tisch und die Schorle kippt um. Er sagt böse: "Der blöde Tisch hat mich geschubst." Am selben Nachmittag baut er mit einer leeren Schachtel und einem Holzklotz eine "Tankstelle" und hält der Assistenzkraft den Klotz hin: "Hier, tank mal. Du weißt doch, wie das geht."

  1. Ordnen Sie Rubens Denken einer Stufe nach Piaget zu und begründen Sie Ihre Zuordnung mit mindestens drei Merkmalen, die im Fallbeispiel sichtbar werden. Belegen Sie jedes Merkmal am Text. (9 Punkte)
  2. Erläutern Sie an einem eigenen Beispiel aus dem Kita-Alltag die Begriffe Assimilation und Akkommodation. (5 Punkte)
  3. Entwickeln Sie zwei Handlungsideen, wie Sie als Assistenzkraft mit der Situation am Tisch umgehen, und begründen Sie, warum bloßes Erklären hier nicht weiterhilft. (6 Punkte)
Musterlösung anzeigen

Zu 1 (Zuordnung und Merkmale): Ruben (4;7) befindet sich in der präoperationalen Stufe (etwa 2 bis 7 Jahre). Drei Merkmale sind im Text belegbar. Zentrierung: Ruben achtet auf ein einziges Merkmal, nämlich die Höhe des Flüssigkeitsstands, und blendet die Breite des Gefäßes aus ("Nein, meins ist höher, da ist mehr drin"). Damit zeigt er zugleich, dass die Erhaltung der Menge, also die Invarianz, noch nicht erworben ist. Diese Situation entspricht Piagets Umschüttversuch. Animismus: Ruben erlebt einen Gegenstand als handelnd und lebendig ("Der blöde Tisch hat mich geschubst"). Egozentrismus: Ruben geht selbstverständlich davon aus, dass die Erwachsene weiß, was er sich vorstellt ("Du weißt doch, wie das geht"), er kann die Perspektive und den Wissensstand anderer noch nicht von seinem eigenen unterscheiden. Ergänzend zeigt die Tankstelle aus Schachtel und Klotz das Symbolspiel, das ebenfalls typisch für diese Stufe ist: Ein Gegenstand steht für etwas anderes. Wichtig für die Punktvergabe: Egozentrismus ist nicht Egoismus. Ruben ist nicht selbstsüchtig, er kann Wahrnehmung und Wissen anderer noch nicht von den eigenen trennen. Fehlend wäre außerdem die Umkehrbarkeit: Ruben kann das Eingießen im Kopf noch nicht rückwärts denken.

Zu 2 (Assimilation und Akkommodation): Ein Schema ist eine innere Vorstellung oder ein Handlungsmuster, mit dem das Kind die Welt ordnet. Bei der Assimilation wird eine neue Erfahrung in ein vorhandenes Schema eingeordnet, das Schema bleibt gleich: Ein zweijähriges Kind hat das Schema "Hund" (vier Beine, Fell, macht Geräusche), sieht im Garten ein Schaf und sagt "Hund". Bei der Akkommodation wird das Schema verändert oder ein neues gebildet, weil das Alte nicht mehr passt: Das Kind erlebt, dass dieses Tier "mäh" macht, Wolle hat und anders aussieht, und bildet ein neues Schema "Schaf". Beide Vorgänge laufen verzahnt ab und sind zwei Seiten derselben Anpassung. Das Streben nach Gleichgewicht zwischen beiden nennt Piaget Äquilibration. Merkhilfe für die Prüfung: Bleibt das Schema gleich, ist es Assimilation; ändert es sich, ist es Akkommodation.

Zu 3 (Handlungsideen): Erklären hilft nicht, weil Rubens Urteil an das gebunden ist, was er gerade sieht. Er hat den Vorgang beobachtet und urteilt trotzdem nach der Höhe. Diese Denkweise ist keine Unart, sie lässt sich nicht wegdiskutieren und verschwindet erst mit der nächsten Stufe. Sinnvoll sind anschauliche Lösungen. Erste Idee: gleiche Gefäße verwenden, also von vornherein für alle Kinder denselben Becher nehmen, damit der Vergleich sichtbar stimmt. Zweite Idee: Ruben selbst handeln lassen, etwa gemeinsam beide Getränke in zwei gleiche Becher umschütten oder ihn selbst einschenken lassen, sodass er die Menge sinnlich erfährt. Dritte mögliche Idee: Material bereitstellen, das zum Umschütten und Vergleichen einlädt (Gefäße in verschiedenen Formen, Trichter, Messbecher am Wasserspieltisch), damit Ruben diese Erfahrung wiederholt selbst machen kann. Passend ist außerdem, den Denkweg des Kindes ernst zu nehmen statt ihn zu korrigieren, also zu fragen "Wie können wir das herausfinden?" statt "Das stimmt nicht".

Pflicht und Zusatz auf einen Blick

Zwingend für die volle Punktzahl: Teilaufgabe 1: die Stufe mit Altersspanne, drei fachlich richtige Merkmale, jedes am Text belegt, und die saubere Trennung von Egozentrismus und Egoismus. Teilaufgabe 2: beide Begriffe definiert, je ein eigenes Beispiel, das betroffene Schema benannt oder die Äquilibration ergänzt. Teilaufgabe 3: zwei umsetzbare Handlungsideen und die Begründung, warum Erklären an der Denkstufe scheitert.

Zusatz und Vertiefung, ohne eigene Punkte: Das Symbolspiel als weiteres Merkmal, die Merkhilfe zu Assimilation und Akkommodation und die dritte Handlungsidee. Dazu alles Weitere, was über die Pflichtliste hinausgeht: weitere Beispiele, weitere Fachbegriffe, Merksätze und die ergänzenden Hinweise am Ende der Absätze. Fachlich richtig und lesenswert, unter Klausurbedingungen aber verzichtbar.

Zeitrahmen: Für eine Fallaufgabe dieses Umfangs sind etwa 30 Minuten vorgesehen. Handschriftlich sind das realistisch 300 bis 450 Wörter. Deshalb zuerst die Pflichtliste vollständig abarbeiten und den Zusatz nur ergänzen, wenn Zeit bleibt. Die Musterlösung erklärt bewusst mehr, als eine Klausurantwort leisten muss.

Bewertungskriterien

  • Teilaufgabe 1: Stufe korrekt benannt mit Altersspanne (2 P), drei Merkmale fachlich richtig benannt (3 P), jedes Merkmal am Text belegt (3 P), korrekte Verwendung der Fachbegriffe ohne Verwechslung von Egozentrismus und Egoismus (1 P). Insgesamt 9 Punkte.
  • Teilaufgabe 2: beide Begriffe korrekt definiert (2 P), je ein passendes eigenes Beispiel (2 P), betroffenes Schema benannt oder Äquilibration ergänzt (1 P). Insgesamt 5 Punkte.
  • Teilaufgabe 3: zwei konkrete, umsetzbare Handlungsideen (4 P), Begründung, warum Erklären an der Denkstufe scheitert (2 P). Insgesamt 6 Punkte.
  • Punktabzug, wenn die Stufenzuordnung ohne Textbeleg bleibt oder wenn Ruben ein Fehlverhalten unterstellt wird ("Er will nur mehr haben").
  • Punktabzug, wenn die Altersangaben als feste Diagnosekriterien statt als Orientierungswerte dargestellt werden.

Aufgabe 3: Verhalten mit Erikson einordnen (20 Punkte)

Levi (2;5) besteht seit einigen Wochen darauf, alles selbst zu machen. An der Garderobe will er seine Gummistiefel allein anziehen und braucht dafür fast zehn Minuten. Als die Assistenzkraft ihm helfen möchte, wirft er sich auf den Boden, schreit und tritt nach der Jacke. Später am Vormittag will er den Wasserkanister allein tragen, den er nicht heben kann, und weint vor Wut. Eine Praktikantin sagt zu ihm: "Jetzt stell dich nicht so an, du bist doch schon ein großer Junge."

Zwei Wochen später wird Levis Schwester geboren. Kurz darauf nässt Levi in der Kita wieder ein, obwohl er seit vier Monaten trocken war, und möchte plötzlich wieder aus einer Nuckelflasche trinken.

  1. Ordnen Sie Levis Verhalten an der Garderobe einer Phase nach Erikson zu. Benennen Sie die Krise, die Ich-Qualität und die Entwicklungsaufgabe und begründen Sie Ihre Zuordnung am Fall. (8 Punkte)
  2. Erläutern Sie das Verhalten nach der Geburt der Schwester mit einem passenden Fachbegriff und beschreiben Sie, wie das Team fachlich richtig reagiert. Begründen Sie außerdem, warum der Satz der Praktikantin pädagogisch ungünstig ist. (7 Punkte)
  3. Entwickeln Sie drei konkrete Maßnahmen, mit denen Sie Levis Entwicklungsaufgabe im Alltag unterstützen, und grenzen Sie Ihre Rolle als Assistenzkraft von der der Fachkraft ab. (5 Punkte)
Musterlösung anzeigen

Zu 1 (Erikson-Zuordnung): Levi (2;5) befindet sich in der zweiten Phase nach Erikson: Autonomie gegenüber Scham und Zweifel (etwa 1 bis 3 Jahre). Die Ich-Qualität, die bei guter Bewältigung entsteht, ist der Wille. Die Entwicklungsaufgabe besteht darin, eigene Entscheidungen zu treffen, das eigene Können zu erproben und dabei auch eigene Grenzen zu erleben, ohne dafür beschämt zu werden. Belege aus dem Fall: Levi besteht darauf, die Stiefel allein anzuziehen, und wehrt Hilfe heftig ab. Er will den Kanister tragen, überschätzt sich und erlebt die eigene Grenze. Diese Phase wird umgangssprachlich Trotzphase genannt, fachlich richtig heißt sie Autonomiephase. Wichtig: Der negative Pol muss nicht vollständig vermieden werden. Ein gewisses Maß an Scham und Zweifel ist gesund und schützend, entscheidend ist das Verhältnis zugunsten der Autonomie. Levis heftige Gefühlsausbrüche sind kein Erziehungsproblem, sondern Ausdruck der Entwicklungsaufgabe: Er will selbst entscheiden, kann seine Gefühle aber noch nicht steuern. Nach Freud liefe zeitlich parallel die anale Phase, die Begriffe dürfen jedoch nicht vermischt werden: "psychosozial" verweist auf Erikson, "psychosexuell" auf Freud.

Zu 2 (Regression): Das Einnässen und der Wunsch nach der Flasche nach der Geburt der Schwester sind ein Beispiel für Regression, also den Rückfall in ein früheres Entwicklungsstadium unter Belastung. Regression ist ein Abwehrmechanismus aus der Psychoanalyse und in dieser Situation eine normale Reaktion auf eine große Veränderung in der Familie, kein Rückschritt in der Entwicklung und kein Erziehungsfehler. Fachlich richtig reagiert das Team, indem es das Verhalten nicht sanktioniert, sondern Levi gezielt zusätzliche Zuwendung und Eins-zu-eins-Zeit gibt, etwa beim Wickeln oder beim Vorlesen, und ihm verlässliche Rituale anbietet. Die Assistenzkraft beobachtet, hält die Veränderung sachlich mit Datum fest und meldet sie der Fachkraft; die Fachkraft bespricht mit den Eltern, wie Levi auch zu Hause Zeiten der ungeteilten Aufmerksamkeit bekommen kann. In der Regel verschwindet das Verhalten nach einigen Wochen von selbst. Der Satz "Jetzt stell dich nicht so an, du bist doch schon ein großer Junge" ist ungünstig, weil er Levis Gefühl abwertet und ihn beschämt. Beschämung wirkt genau auf den negativen Pol der aktuellen Phase, also auf Scham und Zweifel, und verstärkt das Bedürfnis nach Rückversicherung, statt es zu beruhigen.

Zu 3 (Maßnahmen und Rollenabgrenzung): Drei mögliche Maßnahmen: erstens Zeitpuffer einplanen und früher mit dem Anziehen beginnen, damit Levi selbst probieren kann, statt unter Zeitdruck bedient zu werden; zweitens echte, tragbare Wahlmöglichkeiten anbieten ("Nimmst du die blaue oder die rote Jacke?"), damit Levi Selbstwirksamkeit erlebt, ohne dass Sicherheit oder Ablauf gefährdet sind; drittens Hilfe dosiert und erst auf Signal anbieten, etwa den Stiefel festhalten, während Levi hineinschlüpft, und den Weg loben statt der Person ("Du hast lange geübt, bis er drin war"). Ergänzend: Gefühle benennen statt sie zu beenden ("Du bist wütend, weil der Kanister zu schwer ist"). Rollenabgrenzung: Die Assistenzkraft setzt diese Maßnahmen im Alltag eigenständig um, beobachtet und dokumentiert, und gibt Veränderungen an die Fachkraft weiter. Die Einschätzung des Entwicklungsstands, das Entwicklungsgespräch mit den Eltern und Entscheidungen über weitergehende Maßnahmen liegen bei der pädagogischen Fachkraft.

Pflicht und Zusatz auf einen Blick

Zwingend für die volle Punktzahl: Teilaufgabe 1: die Phase mit Altersspanne, die Krise als Begriffspaar Autonomie gegenüber Scham und Zweifel, die Ich-Qualität Wille, die Entwicklungsaufgabe und zwei Belege aus dem Fall. Teilaufgabe 2: der Fachbegriff Regression, die Einordnung als normale Belastungsreaktion, zwei angemessene Teamreaktionen und die Begründung gegen Beschämung. Teilaufgabe 3: drei alltagstaugliche Maßnahmen und die Rollenabgrenzung zur Fachkraft.

Zusatz und Vertiefung, ohne eigene Punkte: Die Formulierungsbeispiele zum Benennen von Gefühlen und weitere Maßnahmen über die geforderten drei hinaus. Dazu alles Weitere, was über die Pflichtliste hinausgeht: weitere Beispiele, weitere Fachbegriffe, Merksätze und die ergänzenden Hinweise am Ende der Absätze. Fachlich richtig und lesenswert, unter Klausurbedingungen aber verzichtbar.

Zeitrahmen: Für eine Fallaufgabe dieses Umfangs sind etwa 30 Minuten vorgesehen. Handschriftlich sind das realistisch 300 bis 450 Wörter. Deshalb zuerst die Pflichtliste vollständig abarbeiten und den Zusatz nur ergänzen, wenn Zeit bleibt. Die Musterlösung erklärt bewusst mehr, als eine Klausurantwort leisten muss.

Bewertungskriterien

  • Teilaufgabe 1: Phase korrekt benannt mit Altersspanne (2 P), Krise als Begriffspaar Autonomie gegenüber Scham und Zweifel (2 P), Ich-Qualität Wille (1 P), Entwicklungsaufgabe erläutert (1 P), mindestens zwei Belege aus dem Fall (2 P). Insgesamt 8 Punkte.
  • Teilaufgabe 2: Fachbegriff Regression korrekt (2 P), Einordnung als normale Belastungsreaktion (1 P), zwei angemessene Teamreaktionen (2 P), Begründung, warum Beschämung ungünstig ist (2 P). Insgesamt 7 Punkte.
  • Teilaufgabe 3: drei konkrete, alltagstaugliche Maßnahmen (3 P), klare Rollenabgrenzung zur Fachkraft (2 P). Insgesamt 5 Punkte.
  • Punktabzug bei Vermischung von Erikson und Freud, etwa wenn in der Erikson-Aufgabe von der analen Phase gesprochen wird.
  • Punktabzug, wenn Levis Verhalten als Erziehungsproblem oder Verhaltensstörung gedeutet wird oder wenn die Lösung eine Bestrafung des Einnässens vorsieht.

Aufgabe 4: Eingewöhnung und Bindung (20 Punkte)

Mio (1;8) wird seit einer Woche in der Krippengruppe "Käfer" eingewöhnt. Die Bezugserzieherin Frau Palm führt die Eingewöhnung, die sozialpädagogische Assistentin Neele wirkt mit. Am ersten bis dritten Tag blieb Mios Vater im Raum. Am vierten Tag verabschiedete sich der Vater kurz und verließ den Raum für zehn Minuten. Mio weinte sofort laut, ließ sich aber nach etwa drei Minuten von Frau Palm auf den Arm nehmen, beruhigte sich und spielte danach mit den Bausteinen weiter.

In derselben Woche wird Ida (2;0) eingewöhnt. Ida lässt ihre Mutter schon am dritten Tag kommentarlos gehen, weint nie und sitzt still in der Leseecke. Trost lehnt sie ab, bei der Abholung schaut sie kaum auf. Eine Kollegin sagt: "Bei Ida sind wir ja schon durch, die ist völlig unkompliziert." Neele fällt auf, dass Ida ständig am Ärmel ihres Pullovers kaut und beim Wickeln vollkommen passiv bleibt.

Am Freitag sagt Mios Vater beim Bringen: "Ich gehe morgen einfach raus, wenn er nicht hinguckt. Dann weint er nicht so."

  1. Beschreiben Sie die vier Phasen des Berliner Eingewöhnungsmodells und ordnen Sie ein, wo Mio und Ida jeweils stehen. (7 Punkte)
  2. Analysieren Sie das Verhalten beider Kinder bindungstheoretisch. Ordnen Sie jeweils ein mögliches Bindungsmuster zu, begründen Sie am Text und erläutern Sie, warum es ein Fehler wäre, Idas Eingewöhnung jetzt zu beenden. (8 Punkte)
  3. Formulieren Sie eine Antwort für Neele auf den Vorschlag von Mios Vater und begründen Sie sie fachlich. Nennen Sie außerdem zwei Aufgaben, die Neele in der Eingewöhnung übernimmt, und eine, die ausdrücklich bei der Fachkraft liegt. (5 Punkte)
Musterlösung anzeigen

Zu 1 (Berliner Modell): Die vier Phasen lauten: Grundphase (Tag 1 bis 3): Ein Elternteil bleibt im Raum, es findet keine Trennung statt, die Bezugserzieherin nimmt behutsam Kontakt auf. Trennungsversuch (ab Tag 4): Kurze, bewusste Verabschiedung, das Elternteil verlässt für wenige Minuten den Raum; die Reaktion des Kindes entscheidet über das weitere Vorgehen. Stabilisierungsphase (etwa Tag 5 bis 14): Die Trennungszeiten werden verlängert, die Bezugserzieherin übernimmt Wickeln, Füttern und Trösten. Schlussphase (ab etwa Tag 14): Das Elternteil ist nicht mehr in der Einrichtung, bleibt aber jederzeit telefonisch erreichbar. Grundsatz des Modells: Das Kind bestimmt durch seine Reaktionen das Tempo. Mio hat den Trennungsversuch am vierten Tag durchlaufen, und zwar mit gutem Ergebnis: Er protestierte, ließ sich von der Bezugserzieherin innerhalb weniger Minuten beruhigen und fand danach ins Spiel zurück. Er kann daher in die Stabilisierungsphase übergehen, die Eingewöhnung kann kurz ausfallen, oft rund sechs Tage. Ida ist formal ebenfalls in der Anfangszeit, ihr Verhalten passt aber nicht zu einer abgeschlossenen Eingewöhnung. Bei ihr ist es fachlich richtig, die Grundphase beziehungsweise die Begleitung durch ein Elternteil zu verlängern und den Beziehungsaufbau zur Bezugserzieherin gezielt fortzusetzen.

Zu 2 (Bindungstheoretische Analyse): Mios Verhalten spricht für ein sicheres Bindungsmuster (Typ B): Er zeigt bei der Trennung deutliches Bindungsverhalten, weint und sucht Nähe, lässt sich von der Bezugsperson trösten und wechselt danach wieder ins Explorationsverhalten, also ins Spiel. Genau dieses Zusammenspiel beschreibt Bowlby: Die Bezugsperson wirkt als sichere Basis, von der aus das Kind losziehen und zu der es zum Auftanken zurückkehren kann. Idas Verhalten könnte auf ein unsicher-vermeidendes Muster (Typ A) hindeuten: Sie zeigt bei der Trennung kaum eine Reaktion, lehnt Trost ab und meidet bei der Rückkehr den Kontakt. Dass sie nicht weint, bedeutet nicht, dass sie keinen Stress erlebt. Die leisen Signale, die Neele bemerkt, nämlich das Kauen am Ärmel und die Passivität beim Wickeln, sprechen für innere Anspannung. Wichtig für die Bewertung: Bindungstypen sind keine Diagnosen. Auch eine unsichere Bindung ist eine Anpassungsleistung des Kindes, und die Formulierung "bindungsgestört" ist fachlich falsch. Die Eingewöhnung jetzt zu beenden wäre ein Fehler, weil das Kriterium für eine gelungene Eingewöhnung nicht lautet "weint nicht mehr", sondern: Lässt sich das Kind von der Fachkraft trösten und findet es danach ins Spiel? Beides trifft auf Ida nicht zu. Ein Kind, das nie protestiert, kann innerlich stark belastet sein. Die Zuordnungen sind außerdem als Vermutungen zu formulieren; Neele beobachtet und meldet, die Einschätzung trifft die Fachkraft.

Zu 3 (Antwort an den Vater und Rollen): Beispielantwort: "Ich verstehe gut, dass Sie ihm den Abschied ersparen möchten, das Weinen ist schwer auszuhalten. Fachlich raten wir aber davon ab, heimlich zu gehen. Verabschieden Sie sich bewusst und kurz, auch wenn Mio dann weint. So lernt er: Papa sagt Bescheid, bevor er geht, und er kommt verlässlich wieder. Wenn er plötzlich merkt, dass Sie weg sind, wird er unsicherer und behält Sie ständig im Blick. Ich bin dann da und Frau Palm tröstet ihn, und wir sagen Ihnen nachher, wie lange er zum Beruhigen gebraucht hat." Fachliche Begründung: Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit sind die Grundlage von Vertrauen; das Weinen beim Abschied ist normal und spricht sogar für eine sichere Bindung an die Eltern. Aufgaben von Neele: Sie hält den Alltag der übrigen Gruppe am Laufen, damit die Bezugserzieherin Zeit für das neue Kind hat; sie hält sich in der Grundphase bewusst im Hintergrund, damit das Kind nicht zu vielen neuen Gesichtern begegnet; sie beobachtet auch leise Stresssignale und notiert kurz und sachlich, wie die Trennung verlief und wie lange das Kind zum Beruhigen brauchte; sie achtet darauf, dass Trostgegenstände wie Kuscheltier oder Schnuller verfügbar bleiben. Bei der Fachkraft liegen: Planung, Führung und Dokumentation der Eingewöhnung, die Einschätzung des Verlaufs und die Gespräche mit den Eltern.

Pflicht und Zusatz auf einen Blick

Zwingend für die volle Punktzahl: Teilaufgabe 1: vier Phasen mit Namen und Zeitraum, der Grundsatz, dass das Kind das Tempo bestimmt, und die begründete Einordnung beider Kinder. Teilaufgabe 2: Mio als Typ B mit Textbeleg, Ida als Typ A ausdrücklich als Vermutung einschließlich der leisen Signale, das Zusammenspiel von Bindungs- und Explorationsverhalten sowie das korrekte Kriterium für eine gelungene Eingewöhnung. Teilaufgabe 3: die ausformulierte Antwort mit Verständnis, Empfehlung und Begründung sowie zwei Aufgaben der Assistenzkraft und eine der Fachkraft.

Zusatz und Vertiefung, ohne eigene Punkte: Die historische Einordnung von Bowlby, Ainsworth sowie Main und Solomon und weitere Beispiele für leise Stresssignale. Dazu alles Weitere, was über die Pflichtliste hinausgeht: weitere Beispiele, weitere Fachbegriffe, Merksätze und die ergänzenden Hinweise am Ende der Absätze. Fachlich richtig und lesenswert, unter Klausurbedingungen aber verzichtbar.

Zeitrahmen: Für eine Fallaufgabe dieses Umfangs sind etwa 30 Minuten vorgesehen. Handschriftlich sind das realistisch 300 bis 450 Wörter. Deshalb zuerst die Pflichtliste vollständig abarbeiten und den Zusatz nur ergänzen, wenn Zeit bleibt. Die Musterlösung erklärt bewusst mehr, als eine Klausurantwort leisten muss.

Bewertungskriterien

  • Teilaufgabe 1: vier Phasen mit Namen und Zeitraum korrekt (4 P), Grundsatz "das Kind bestimmt das Tempo" (1 P), begründete Einordnung beider Kinder (2 P). Insgesamt 7 Punkte.
  • Teilaufgabe 2: Mio Typ B mit Begründung am Text (2 P), Ida Typ A als Vermutung mit Begründung, einschließlich der leisen Signale (3 P), Zusammenspiel von Bindungs- und Explorationsverhalten erläutert (1 P), korrektes Kriterium für gelungene Eingewöhnung statt "weint nicht mehr" (2 P). Insgesamt 8 Punkte.
  • Teilaufgabe 3: ausformulierte Antwort mit Verständnis, Empfehlung und Begründung (3 P), zwei Aufgaben der Assistenzkraft und eine der Fachkraft (2 P). Insgesamt 5 Punkte.
  • Punktabzug, wenn Bindungstypen als Diagnosen dargestellt werden oder wenn von "bindungsgestört" die Rede ist.
  • Punktabzug, wenn Bowlby die Fremde Situation zugeschrieben wird. Bowlby lieferte die Theorie, Ainsworth die Untersuchung mit den Bindungstypen und der Feinfühligkeit. Ainsworth beschrieb dabei drei Muster: B sicher, A unsicher-vermeidend und C unsicher-ambivalent. Der desorganisierte Typ D stammt von Main und Solomon und wurde erst später ergänzt. Wer Typ D korrekt Main und Solomon zuordnet, erhält deshalb keinen Abzug, sondern liegt richtig.

In der Druckansicht stehen alle Aufgaben mit ausgeklappten Musterlösungen untereinander, ideal zum Ausdrucken oder als PDF speichern.

Optimal auf die Prüfung vorbereiten

Der Plakos-Testtrainer bietet dir hunderte prüfungsnahe Fragen mit Erklärungen zu allen Prüfungsbereichen.

Mehr Fragen zu diesem Bereich üben

← Alle Prüfungsfragen