Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Über Sprache verstehen Kinder, was um sie herum passiert, drücken Wünsche und Gefühle aus, lösen Streit und gehören dazu. Deshalb steht Sprache in allen Bildungsplänen als Querschnittsaufgabe, also als Aufgabe, die nicht in einer eigenen Förderstunde erledigt wird, sondern den ganzen Tag durchzieht. Schon Säuglinge reagieren auf die Stimmen ihrer Bezugspersonen, lange bevor sie ein Wort verstehen. Sprache ist damit von Anfang an ein Beziehungsmedium: Kinder lernen sie nicht durch Übungsblätter, sondern in echten Gesprächen mit Menschen, denen sie vertrauen.
In der Assistenzrolle planst du Sprachbildung in der Regel nicht allein. Die Fachkraft legt Ziele fest, wählt Verfahren aus und führt Elterngespräche. Du setzt gemeinsam mit ihr um, beobachtest genau und meldest zurück, was dir auffällt. Genau diese Zuarbeit macht Sprachbildung erst möglich, denn die meisten Sprachanlässe entstehen in den Situationen, die du begleitest: Wickeln, Anziehen, Essen, Aufräumen, Spielen.
Meilensteine der Sprachentwicklung
Die folgende Tabelle nennt Orientierungswerte, keine starren Normen. Wichtiger als das genaue Alter ist die Reihenfolge: Erst kommt das Lallen, dann kommen erste Wörter, dann Sätze.
| Alter (ca.) | Meilensteine |
|---|---|
| 0 bis 6 Monate | Schreien, Gurren, Lallen; Reaktion auf Stimmen |
| 6 bis 12 Monate | Silbenketten (“ma-ma”, “da-da”); Zeigegeste; erste Wörter |
| 12 bis 18 Monate | Etwa 10 bis 50 Wörter; Einwortsätze (“Ball!“) |
| 18 bis 24 Monate | Wortschatzexplosion; Zweiwortsätze (“Mama weg”) |
| 2 bis 3 Jahre | Mehrwortsätze; Fragealter; ca. 200 bis 500 Wörter |
| 3 bis 4 Jahre | Längere Sätze, erstes Erzählen; über 1.000 Wörter |
| 4 bis 5 Jahre | Grammatik weitgehend sicher; Nebensätze |
| 5 bis 6 Jahre | Zusammenhängendes Erzählen; Reime und Silben erkennen |
Die Wortschatzexplosion rund um den 18. Lebensmonat ist besonders auffällig: Das Kind hat verstanden, dass jedes Ding einen Namen hat, und sammelt nun täglich neue Wörter. Im Fragealter ab etwa zweieinhalb Jahren stellen Kinder unermüdlich Warum-Fragen. Diese Fragen sind kein Störfeuer, sondern ein Entwicklungsschritt. Spricht ein Kind mit 24 Monaten weniger als 50 Wörter, gilt das als Hinweis auf einen späten Sprecher.
Für die Prüfung solltest du außerdem vier Erklärungsansätze zuordnen können:
- Noam Chomsky (LAD): Die Fähigkeit zum Sprechen ist angeboren. Der LAD ist die Grundausstattung, die jedes Kind mitbringt.
- Jerome Bruner (LASS): Sprache entsteht in der sozialen Unterstützung. Bezugspersonen bieten Rituale und passen ihre Sprache an das Kind an.
- Jean Piaget: Sprache folgt dem Denken. Ein Kind kann etwas erst benennen, wenn es eine innere Vorstellung davon hat.
- Lew Vygotski: Sprache ist ein Werkzeug des Denkens. Die Zone der nächsten Entwicklung beschreibt, was ein Kind mit Unterstützung schon erreichen kann.
Als Merkhilfe: Der LAD ist die “Ladung”, die das Kind ab Werk mitbringt (Chomsky, angeboren). Beim LASS “lässt” die Umwelt helfen (Bruner, soziale Unterstützung). Diese beiden Abkürzungen werden in Klausuren am häufigsten vertauscht.
Fünf Strategien der alltagsintegrierten Sprachbildung
Definition – Alltagsintegrierte Sprachbildung: Sprache wird nicht in eigenen Übungsstunden trainiert, sondern in die normalen Situationen des Tages eingebaut. Sie richtet sich an alle Kinder und braucht kein Extra-Material.
| Strategie | Was du tust | Beispiel |
|---|---|---|
| Handlungsbegleitendes Sprechen | Das eigene Tun oder das des Kindes sprachlich begleiten | ”Ich schneide die Banane jetzt in kleine Stücke.” |
| Korrektives Feedback | Die richtige Form beiläufig wiederholen, ohne zu verbessern | Kind: “Ich hab gegeht.” Antwort: “Ja, du bist zum Zaun gegangen.” |
| Offene Fragen | Fragen stellen, die mehr als ja oder nein verlangen | ”Was glaubst du, warum der Turm umgefallen ist?” |
| Dialogisches Lesen | Beim Bilderbuch ins Gespräch kommen statt nur vorzulesen | ”Wie fühlt sich die Maus jetzt wohl?” |
| Wortschatzerweiterung | Neue Wörter einführen und gleich erklären | ”Das ist ein Sieb. Damit trennen wir die Steine heraus.” |
Besonders wichtig ist das korrektive Feedback. Das Kind hört die richtige Form, ohne beschämt zu werden, und bleibt im Gespräch. Direkte Verbesserungen wie “Das heißt nicht gegeht, sag das nochmal richtig” unterbrechen den Redefluss und nehmen manchen Kindern die Lust am Sprechen.
Sprachbildung kostet keine zusätzliche Zeit, wenn du die vorhandenen Situationen nutzt. Beim Wickeln hast du Eins-zu-eins-Zeit und benennst jeden Schritt. An der Garderobe versprachlichst du Kleidungsstücke, Farben und Reihenfolgen. Bei Mahlzeiten lässt du Kinder bitten, statt vorwegzunehmen. Beim Aufräumen baust du Raum- und Mengenbegriffe ein. Auf dem Spaziergang lässt du entdecken und fragst nach, statt alles selbst zu benennen. Und in Konflikten schildern beide Kinder ihre Sicht, da wird intensiv und echt gesprochen.
Deine eigene Sprache ist dabei das wirksamste Werkzeug. Wichtig sind vollständige Sätze statt Kommandos (“Zieh bitte deine Jacke an, wir gehen gleich raus” statt “Jacke an!”), ein reicher Wortschatz, deutliches und nicht zu schnelles Sprechen, Blickkontakt auf Augenhöhe und vor allem Pausen, in denen das Kind selbst zu Wort kommt.
Literacy meint alle Erfahrungen rund um Bücher, Erzählen, Reime und Schrift. Es geht nicht darum, Lesen und Schreiben beizubringen, sondern die Welt der Schrift zu öffnen. Die phonologische Bewusstheit ist die Fähigkeit, auf den Klang der Sprache zu achten, unabhängig von der Bedeutung: Reime erkennen, Silben klatschen, Anlaute heraushören. Sie gilt als wichtige Vorläuferfähigkeit für das spätere Lesen und Schreiben.
Sprachbildung, Sprachförderung, Sprachtherapie
Diese drei Begriffe werden in Prüfungen gern verwechselt.
| Begriff | Zielgruppe | Wer macht es |
|---|---|---|
| Sprachbildung | alle Kinder, durchgehend im Alltag | alle im Team, auch du |
| Sprachförderung | Kinder mit erhöhtem Unterstützungsbedarf, gezielter und oft in kleinen Gruppen | Fachkraft plant, du wirkst mit |
| Sprachtherapie | Kinder mit ärztlicher Diagnose und Verordnung | ausschließlich Therapeutinnen und Therapeuten |
Für dich gilt: Du beobachtest und meldest, du diagnostizierst nicht. “Nora spricht schlecht und ist bestimmt sprachgestört” ist eine Bewertung und eine Diagnose, beides steht dir nicht zu. Brauchbar wäre: “Nora (3;6) benutzt in Sätzen fast nie ein Verb, zum Beispiel ‘Ich Tisch’ statt ‘Ich sitze am Tisch’. Aufgefallen am 12. und 14. März beim Mittagessen.” Konkret, datiert, mit Beispiel.
Mehrsprachigkeit in der Kita
Viele Kinder wachsen mit zwei oder mehr Sprachen auf. Das ist ein Gewinn und kein Problem. Fünf Grundsätze solltest du kennen:
- Erstsprache stärken: Die Familiensprache ist das Fundament. Wer sie gut beherrscht, lernt Deutsch leichter.
- Mehrsprachigkeit als Kompetenz sehen: Sie ist eine Ressource, kein Rückstand.
- Code-Switching ist normal: Der Wechsel zwischen Sprachen in einem Satz zeigt Können, nicht Verwirrung.
- Additiv statt subtraktiv: Deutsch soll zusätzlich zur Erstsprache dazukommen (additiv), nicht sie verdrängen (subtraktiv).
- Alltagsintegriert fördern: Deutsch lernen Kinder im Spiel und Gespräch, nicht im Sprachkurs.
Mehrsprachig aufwachsende Kinder durchlaufen dieselben Entwicklungsschritte wie einsprachige, manchmal zeitlich leicht verschoben. Riskant ist nicht die zweite Sprache, sondern der subtraktive Verlauf. Der gut gemeinte Rat an Eltern, zu Hause nur noch Deutsch zu sprechen, ist deshalb fachlich falsch: Er liefert dem Kind oft fehlerhafte Vorbilder und entwertet die Familiensprache.
Das solltest du dir merken
- Sprache ist Beziehung. Kinder lernen sprechen in echten Gesprächen, nicht durch Übungen. Sprache ist Querschnittsaufgabe im ganzen Tagesablauf.
- Meilensteine sind Orientierungswerte: Lallen, erste Wörter, Wortschatzexplosion mit ca. 18 Monaten, Zweiwortsätze, Mehrwortsätze, Erzählen. Die Reihenfolge zählt mehr als das Alter.
- Vier Erklärungsansätze: Chomsky (LAD, angeboren), Bruner (LASS, soziale Unterstützung), Piaget (Sprache folgt dem Denken), Vygotski (Zone der nächsten Entwicklung).
- Die fünf Strategien sind handlungsbegleitendes Sprechen, korrektives Feedback, offene Fragen, dialogisches Lesen und Wortschatzerweiterung.
- Sprachbildung für alle, Sprachförderung bei erhöhtem Bedarf, Sprachtherapie nur mit Verordnung. Du beobachtest und meldest, du diagnostizierst nicht.
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Häufige Fragen zu dieser Lektion
Was ist alltagsintegrierte Sprachbildung?
Sprache ist in allen Bildungsplänen eine Querschnittsaufgabe: Sie wird nicht in einer eigenen Förderstunde erledigt, sondern zieht sich durch den ganzen Tag. Jede zugewandte Alltagssituation vom Wickeln bis zum Mittagessen ist eine Sprachbildungssituation. Fünf Strategien tragen das: handlungsbegleitendes Sprechen, korrektives Feedback, offene Fragen, dialogisches Lesen und Wortschatzerweiterung.
Was ist korrektives Feedback?
Du wiederholst die richtige Form beiläufig, statt das Kind direkt zu verbessern. Sagt ein Kind, es habe die Milch umgekippt gemacht, greifst du die Aussage auf und verwendest dabei das korrekte Wort. Das Kind hört die richtige Form, ohne beschämt zu werden, und bleibt im Gespräch. Direkte Verbesserungen unterbrechen den Redefluss und nehmen manchen Kindern die Lust am Sprechen.
Was ist der Unterschied zwischen Sprachbildung, Sprachförderung und Sprachtherapie?
Sprachbildung richtet sich an alle Kinder und findet im Alltag statt. Sprachförderung richtet sich an Kinder mit erhöhtem Bedarf und wird von der Fachkraft geplant. Sprachtherapie setzt eine ärztliche Diagnose und eine Verordnung voraus und wird ausschließlich von Therapeutinnen und Therapeuten durchgeführt. Als Assistenzkraft wirkst du in den ersten beiden Bereichen mit.
Was bedeuten LAD und LASS?
Noam Chomsky nimmt mit dem LAD eine angeborene Grundausstattung für Sprache an, Jerome Bruner betont mit dem LASS die soziale Unterstützung durch Bezugspersonen. Merkhilfe: Der LAD ist die Ladung ab Werk, beim LASS lässt die Umwelt helfen. Beide Ansätze ergänzen sich, denn ohne Sprachanlass und Zuwendung entwickelt sich Sprache nicht.
Wie viele Wörter spricht ein Kind in welchem Alter?
Als Orientierungswerte gelten: Lallen von 0 bis 6 Monaten, erste Wörter mit 6 bis 12 Monaten, Einwortsätze und 10 bis 50 Wörter mit 12 bis 18 Monaten, Wortschatzexplosion und Zweiwortsätze mit 18 bis 24 Monaten, Mehrwortsätze und Fragealter mit etwa 200 bis 500 Wörtern zwischen 2 und 3 Jahren. Weniger als 50 Wörter mit 24 Monaten gilt als Hinweis auf einen späten Sprecher.
Wie formuliere ich eine sprachliche Beobachtung richtig?
Sachlich, konkret, datiert und mit Beispiel, etwa: Nora, 3 Jahre und 6 Monate, benutzt in Sätzen fast nie ein Verb, aufgefallen am 12. und 14. März beim Mittagessen. Nicht brauchbar wäre die Formulierung, Nora spreche schlecht und sei bestimmt sprachgestört, denn das ist Bewertung und Diagnose zugleich. Du beobachtest und meldest, die Fachkraft entscheidet über das weitere Vorgehen.
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