Kinder sind von sich aus an Natur interessiert. Sie hocken minutenlang vor einem Regenwurm und wollen wissen, warum Blätter im Herbst bunt werden. Daran knüpft die ökologische Bildung an. Sie ist in allen Bildungsplänen der Länder verankert und taucht in Prüfungen als Wissensfrage und in Angebotsplanungen auf. Konzeptentwicklung und Elternabende sind Aufgabe der Fachkraft, du setzt um, greifst Fragen der Kinder auf und bist Vorbild.
Nachhaltigkeit und BNE
Definition – Nachhaltigkeit: Die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden. Die Definition stammt aus dem Bericht der Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen von 1987.
Nachhaltigkeit hat drei Dimensionen, die zusammen gedacht werden.
| Dimension | Worum es geht | Beispiel in der Kita |
|---|---|---|
| Ökologisch | Natur und Umwelt schützen | Müll trennen, Wasser sparen, Insektenhotel bauen |
| Sozial | Gerechtigkeit und Teilhabe | Gerecht teilen, alle Kinder beteiligen, Spielzeug weitergeben |
| Ökonomisch | Ressourcen verantwortungsvoll nutzen | Sparsam wirtschaften, reparieren statt neu kaufen, Essen nicht wegwerfen |
Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE, ist der Bildungsauftrag, der daraus folgt. Sie geht über Umwelterziehung hinaus, weil sie alle drei Dimensionen einbezieht und Kinder ihre Umgebung mitgestalten lässt. Gerhard de Haan prägte dafür den Begriff Gestaltungskompetenz: vorausschauend denken, gemeinsam planen und handeln, das eigene Tun hinterfragen. Auf Kita-Niveau heißt das nicht Weltrettung, sondern die Frage “Was passiert, wenn wir alle Blumen auf der Wiese pflücken?”.
Zwei Verwechslungen kosten Punkte. Erstens: Umwelterziehung beschränkt sich meist auf die ökologische Dimension und arbeitet mit Appellen, BNE bezieht auch die soziale und ökonomische Dimension ein und setzt auf Beteiligung. Zweitens: Waldpädagogik meint den Naturraum als Bildungsort, Waldorfpädagogik geht auf Rudolf Steiner zurück und hat mit dem Wald nichts zu tun.
Jahreszahlen
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| 1950er Jahre | Die Dänin Ella Flatau geht täglich mit eigenen und Nachbarskindern in den Wald: erster Waldkindergarten |
| 1968 | Erster deutscher Waldkindergarten in Wiesbaden, privat, ohne staatliche Anerkennung |
| 1987 | Brundtland-Kommission formuliert die bis heute gültige Definition von Nachhaltigkeit |
| 1993 | Erster staatlich anerkannter Waldkindergarten in Flensburg, damit öffentlich finanzierbar |
| 2005 bis 2014 | UN-Dekade “Bildung für nachhaltige Entwicklung” verankert BNE weltweit |
| 2015 | Die Vereinten Nationen verabschieden die 17 Nachhaltigkeitsziele, Zieljahr 2030 |
Was Naturerfahrung mit Kindern macht
Naturerfahrungen wirken auf viele Entwicklungsbereiche gleichzeitig, weil sie mehrere Sinne ansprechen und weil die Natur kein fertiges Material liefert. Ein Stock kann Schwert, Angel oder Zauberstab sein, und diese Uneindeutigkeit fordert die Fantasie heraus. Die Grobmotorik profitiert vom Klettern, Balancieren und Laufen auf unebenem Boden, die Wahrnehmung davon, dass Riechen, Fühlen, Hören und Sehen zugleich gefragt sind. Beim Denken üben Kinder Beobachten, Vergleichen und Vermuten, in der Sprache kommen Wörter für Pflanzen, Tiere und Wetter dazu. Dazu kommen Staunen und Selbstwirksamkeit, soziales Aushandeln beim Bauen sowie Bewegung und frische Luft.
Der amerikanische Autor Richard Louv prägte 2005 den Begriff Nature Deficit Disorder, Natur-Defizit-Störung, für die Folgen einer naturfernen Kindheit. Er ist keine anerkannte Diagnose und fachlich umstritten, hat die Debatte aber angestoßen. Für manche Kinder ist die Kita der einzige Ort, an dem sie regelmäßig draußen sind.
Ein verbreiteter Irrtum: Matsch und Tierkontakt seien vor allem ein Gesundheitsrisiko. Nach der Hygiene-Hypothese stärkt früher Kontakt mit Erde und Mikroorganismen das Immunsystem und senkt das Allergierisiko. Grundregeln gelten trotzdem: Hände waschen vor dem Essen, nichts Unbekanntes in den Mund, Wunden abdecken.
Naturpädagogik und Waldtage
Naturpädagogik ist der Oberbegriff für alle Ansätze, die Naturerfahrung ins Zentrum stellen. Der Waldkindergarten ist ihre bekannteste Form: Kinder sind bei fast jedem Wetter überwiegend draußen, ein Bauwagen oder eine Schutzhütte dient bei Extremwetter als Unterschlupf. In Deutschland gibt es über 2.000 Wald- und Naturkindergärten. Für Regelkitas wichtiger sind feste Waldtage, Naturwochen oder ein naturnahes Außengelände: Naturpädagogik braucht keinen Waldkindergarten.
Vier Prinzipien tragen die Arbeit im Naturraum: die originale Begegnung (ein echtes Schneckenhaus wiegt zehn Bilder auf), die Langsamkeit (ein Käfer lässt sich nicht hetzen), das Staunen (Fragen zulassen statt sofort erklären) und die Verantwortung (Tiere und Pflanzen nicht verletzen).
Die klassischen Waldregeln merkst du dir als drei S: Sichtweite (in Ruf- und Sichtweite bleiben, an Haltepunkten warten), Schmecken verboten (nichts in den Mund, weder Beeren noch Pilze) und Schonen (Tiere und Pflanzen nicht verletzen, keinen Müll zurücklassen). Auch der freieste Raum braucht verbindliche Strukturen.
Nachhaltigkeit im Alltag umsetzen
BNE ist keine Zusatzaufgabe, sondern eine Haltung. Entscheidend ist, dass Kinder nicht Zuschauer, sondern Handelnde sind.
| Bereich | Maßnahme | So werden Kinder beteiligt |
|---|---|---|
| Müll | Trennen und vermeiden | Kinder sortieren mit, Brotdosen statt Folie |
| Wasser | Hahn zudrehen, Regenwasser zum Gießen | Kinder werden Wasser-Detektiv |
| Energie | Licht ausschalten, richtig lüften | Kinder kontrollieren beim Rausgehen |
| Essen | Regional und saisonal, Reste vermeiden | Kinder schöpfen selbst, lieber nachnehmen |
| Material | Reparieren, weitergeben, Naturmaterial | Kinder sammeln Zapfen, Stöcke, Steine |
| Garten | Hochbeet, Kräutertöpfe, Wildecke, Insektenhotel | Kinder säen, gießen nach Gießplan, ernten |
Auf den Ton kommt es an. Sätze wie “Macht das Licht aus, sonst schmilzt das Eis am Nordpol” erzeugen bei kleinen Kindern Ohnmacht und Schuldgefühle, keine Handlungsfähigkeit. Besser wirkt eine positive Rolle: “Wer möchte heute Energie-Detektiv sein?” Dazu Regeln, die die Kinder mitentwickelt haben, und sichtbare Erfolge. Am Anfang der ökologischen Bildung steht nicht das Problemwissen, sondern die gute Erfahrung mit der Natur. Der Begriff Kindergarten stammt übrigens von Friedrich Fröbel und war wörtlich gemeint.
Sicherheit bei Naturerfahrungen
Draußen zu sein lockert die Aufsichtspflicht nicht, sondern organisiert sie anders. Vor einem Waldtag wird das Gelände abgegangen, die Waldregeln werden im Rollenspiel geübt, es gibt feste Haltepunkte, ein Rufsignal und einen ausreichenden Betreuungsschlüssel. Die Notfalltasche mit Erste-Hilfe-Material, Handy und Telefonliste kommt mit.
Fachlich hilft die Unterscheidung von Risiko und Gefahr: Ein Risiko kann das Kind selbst einschätzen, etwa wie hoch es klettert. Eine Gefahr kann es nicht erkennen, etwa einen morschen Ast oder eine giftige Pflanze. Risiken darf man zulassen, Gefahren muss das Team ausschließen. Dazu gehört, die häufigsten Giftpflanzen der Region zu kennen, nach dem Waldtag Zeckenkontrollen durchzuführen und die Eltern vorher schriftlich über Kleidung und Ablauf zu informieren.
Das solltest du dir merken
- Nachhaltigkeit umfasst drei Dimensionen: ökologisch, sozial, ökonomisch. Die Definition stammt von der Brundtland-Kommission 1987.
- BNE ist mehr als Umwelterziehung, weil sie alle drei Dimensionen verbindet und auf Beteiligung setzt. Der Schlüsselbegriff von Gerhard de Haan: Gestaltungskompetenz.
- 2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen die 17 Nachhaltigkeitsziele, Zieljahr 2030.
- Naturpädagogik braucht keinen Waldkindergarten. Es gelten die drei S (Sichtweite, Schmecken verboten, Schonen) sowie originale Begegnung, Langsamkeit, Staunen, Verantwortung.
- Draußen gilt: Risiken zulassen, Gefahren ausschließen. Angstbilder erzeugen Ohnmacht, positive Rollen Selbstwirksamkeit.
Wissen anwenden statt nur lesen
Trainiere mit hunderten weiteren prüfungsnahen Fragen im Online-Testtrainer.
Häufige Fragen zu dieser Lektion
Was bedeutet Nachhaltigkeit?
Die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden. Die Definition stammt aus dem Bericht der Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen von 1987. Nachhaltigkeit hat drei Dimensionen, die immer zusammen gedacht werden: ökologisch für Natur und Umwelt, sozial für Gerechtigkeit und Teilhabe, ökonomisch für den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen.
Was ist der Unterschied zwischen Umwelterziehung und BNE?
Umwelterziehung beschränkt sich meist auf die ökologische Dimension und arbeitet mit Wissen und Appellen. Bildung für nachhaltige Entwicklung bezieht auch die soziale und die ökonomische Dimension ein und setzt auf Beteiligung und eigenes Handeln. Gerhard de Haan nennt das Ziel Gestaltungskompetenz: vorausschauend denken, gemeinsam planen und handeln, das eigene Tun hinterfragen.
Was ist der Unterschied zwischen Waldpädagogik und Waldorfpädagogik?
Waldpädagogik meint den Naturraum als Bildungsort, also Waldtage, Naturwochen und das Lernen draußen. Waldorfpädagogik geht auf Rudolf Steiner zurück und hat mit dem Wald nichts zu tun. Diese Verwechslung ist eine klassische Prüfungsfalle, weil die beiden Begriffe nur ähnlich klingen.
Brauche ich einen Waldkindergarten für Naturpädagogik?
Nein. Für Regelkitas sind feste Waldtage, Naturwochen oder ein naturnah gestaltetes Außengelände viel wichtiger als die Einrichtungsform. Vier Prinzipien tragen die Arbeit im Naturraum: originale Begegnung, Langsamkeit, Staunen und Verantwortung. Als Waldregeln merkst du dir die drei S: Sichtweite, Schmecken verboten und Schonen.
Wie sichere ich einen Waldtag ab?
Es gilt draußen wie drinnen: Risiken darf und soll man zulassen, weil das Kind sie selbst einschätzen kann. Gefahren wie morsche Äste, Sturmwetter oder Giftpflanzen muss das Team ausschließen. Dazu gehören eine Geländebegehung vorab, geübte Waldregeln, feste Haltepunkte, ein Rufsignal, eine Notfalltasche und die Zeckenkontrolle nach der Rückkehr.
Warum sind Angstbilder in der Umweltbildung falsch?
Sätze wie Macht das Licht aus, sonst schmilzt das Eis am Nordpol erzeugen bei kleinen Kindern Ohnmacht und Schuldgefühle, aber keine Handlungsfähigkeit. Wirksam sind positive Rollen, eigene Entscheidungen und sichtbare Ergebnisse, etwa ein Energie-Detektiv, der schaut, wo unnötig Licht brennt. Am Anfang steht nicht das Problemwissen, sondern die gute Erfahrung mit der Natur.
Teste dein Wissen zu dieser Lektion
Beantworte alle Fragen nacheinander – mit sofortigem Feedback und Erklärung. Ab 60 % richtigen Antworten gilt die Lektion als abgeschlossen.