Vier Fallaufgaben zur musisch-kreativen Praxis, dem Klassiker der praktischen Prüfung. Mit Musterlösungen und Bewertungskriterien.
Sie sind sozialpädagogische Assistenzkraft in der Kita Sonnenblume. In der Gruppe „Marienkäfer“ häufen sich seit einigen Wochen Konflikte um Zugehörigkeit: Zwei Kinder schließen den neuen fünfjährigen Aran immer wieder vom Bauteppich aus („Du gehörst nicht zu uns“). Ihre Anleiterin bittet Sie, dazu eine Bilderbuchbetrachtung mit einer Kleingruppe durchzuführen. Sie wählen vier Kinder aus: Aran (5;0), Lina (4;2), Jonte (5;4) und Elif (4;8), die Deutsch als Zweitsprache spricht und sich in Kleingruppen deutlich mehr beteiligt als im Morgenkreis. Als Buch entscheiden Sie sich für „Irgendwie Anders“ von Kathryn Cave. Für das Angebot steht Ihnen der ruhige Nebenraum zur Verfügung, Zeitfenster ist der Vormittag nach dem Freispiel. Ihre Anleiterin ergänzt: In der angrenzenden Krippengruppe fragen die Kolleginnen schon länger nach Anregungen zum Bilderbuch. Sie sollen deshalb überlegen, wie eine Bilderbuchbetrachtung dort mit Mika (1;11) und Sophie (2;5) aussehen würde.
Musterlösung
Teilaufgabe 1: Begründung der Buchauswahl nach den vier A. Das Kriterium Alter ist erfüllt, weil „Irgendwie Anders“ ein erzählendes Bilderbuch mit klarer Hauptfigur und überschaubarem Spannungsbogen ist. Für Kinder von vier bis sechs Jahren sind Themenbilderbücher mit komplexeren Gefühlen und Konflikten angemessen, eine Dauer von 15 bis 25 Minuten ist realistisch. Der Anlass ergibt sich unmittelbar aus der Gruppensituation: Aran wird ausgegrenzt, das Buch behandelt genau dieses Thema (Anderssein, Dazugehören, Freundschaft). Damit ist die Auswahl aus der Beobachtung hergeleitet und nicht beliebig. Die Aussage trägt inhaltlich: Die Geschichte bewertet nicht, sondern zeigt, dass Ausgrenzung wehtut und dass Zugehörigkeit möglich wird, wenn jemand einen ersten Schritt macht. Sie eignet sich, weil sie den Kindern eine eigene Deutung erlaubt, statt eine Moral vorzugeben. Die Abbildung muss geprüft werden: Die Bilder sind großflächig und figurenzentriert, sodass sie auch aus zwei Metern Entfernung erkennbar sind. Bei einer Kleingruppe von vier Kindern im Halbkreis ist die Sichtbarkeit gesichert. Wichtig ist der Hinweis, dass eines der vier Kriterien nicht wackeln darf; andernfalls ist ein anderes Buch zu wählen. Für Elif als mehrsprachiges Kind spricht zusätzlich, dass die Bilder viel Handlung tragen und Verstehen auch ohne vollständiges Textverständnis möglich ist.
Teilaufgabe 2: Ablauf und Rahmen. Der Einstieg dauert etwa drei bis fünf Minuten. Möglich sind ein festes Ritual (Erzähllicht anzünden lassen, Erzählkissen verteilen), ein Impulsgegenstand aus einem Säckchen und das gemeinsame Betrachten des Titelbildes mit der Frage „Was seht ihr hier?“. Anschließend werden Titel, Autorin und Illustration genannt, damit die Kinder erfahren, dass Bücher von Menschen gemacht werden. Der Hauptteil als dialogische Betrachtung umfasst etwa zehn bis fünfzehn Minuten. Erzählen und Gespräch wechseln sich ab, das Buch wird ruhig und lange genug gehalten, der Blickkontakt bleibt erhalten (deshalb sollte der Text nahezu auswendig sitzen), und der Spannungsbogen wird nicht durch zu viele Fragen zerschnitten: Zwei bis vier gut gesetzte Impulse in der ganzen Geschichte sind besser als eine Frage pro Seite. Der Abschluss dauert erneut drei bis fünf Minuten mit kurzem Nachgespräch, Rückkehr zum Ritual (Erzähllicht auspusten) und Übergang in den Alltag; danach wird das Buch in die Leseecke gelegt, damit die Kinder es selbstständig weiter anschauen können.
Zur organisatorischen Vorbereitung gehören vier Punkte: Ort (ruhiger Nebenraum, keine Durchgangssituation, Tür zu, keine offene Spielkiste im Rücken der Kinder), Sitzordnung (Halbkreis auf Kissen, jedes Kind sieht das Buch frontal, unruhige Kinder in die eigene Nähe statt nebeneinander), Buchhaltung (Buch seitlich halten, Arm gestreckt, langsam schwenken, vorher vor dem Spiegel üben) und Zeitpunkt (nicht kurz vor dem Mittagessen, nicht direkt nach dem Toben; der Vormittag nach dem Freispiel ist ideal). Ergänzend kann das feste Ritual als fünfter Punkt genannt werden. Als Alternative zum klassischen Buch sind Kamishibai, Erzählsäckchen oder Erzählschiene möglich, weil dabei alle Kinder dasselbe Bild gleich groß sehen und beide Hände frei bleiben.
Teilaufgabe 3: Fragearten und PEER-Folge. Erwartet werden vier Impulse aus vier verschiedenen Kategorien, zum Beispiel: Beschreibungsfrage („Was seht ihr auf diesem Bild?“), Vermutungsfrage („Was glaubt ihr, was jetzt passiert?“), Gefühlsfrage („Wie geht es Irgendwie Anders gerade?“), Erinnerungsfrage („Wer weiß noch, wer als Erster an die Tür geklopft hat?“) oder Transferfrage zur eigenen Lebenswelt („Wart ihr auch schon mal irgendwo neu?“). Ebenfalls möglich ist der Ergänzungsimpuls, bei dem ein Satzanfang stehen bleibt. Entscheidend ist, dass es sich um offene Fragen handelt, auf die man nicht mit Ja oder Nein antworten kann.
Die PEER-Folge gliedert das dialogische Lesen in vier Schritte: P wie Prompt (Impuls geben: „Was macht das Tier denn da?“), E wie Evaluate (Antwort wertschätzend aufgreifen: „Genau, es setzt sich ganz an den Rand.“), E wie Expand (Antwort sprachlich erweitern: „Es setzt sich ganz an den Rand, weil es traurig ist, dass die anderen es nicht mitspielen lassen.“), R wie Repeat (das Kind einladen, die erweiterte Form zu wiederholen). Ziel ist, dass das Kind vom Zuhörer zum Miterzähler wird. Ergänzend gehört zu einer sehr guten Lösung, dass Pausen von fünf bis zehn Sekunden ausgehalten werden, dass mehrsprachige Kinder wie Elif noch länger brauchen und dass kindliche Äußerungen nicht korrigiert, sondern über korrektives Feedback beiläufig in korrekter Form wiederholt werden.
Teilaufgabe 4: Die Bilderbuchbetrachtung mit U3-Kindern. Buchauswahl: Für Mika (1;11) und Sophie (2;5) eignet sich ein stabiles Pappbilderbuch mit wenigen, klar konturierten Gegenständen pro Seite auf ruhigem Hintergrund. Passend sind Benenn- und Alltagsbücher zu Themen, die die Kinder kennen: Essen, Anziehen, Tiere, Fahrzeuge, Gute-Nacht-Rituale. Klappen, Fühlelemente und Gucklöcher sind willkommen, weil das Buch in diesem Alter auch ein Gegenstand zum Anfassen ist. Ungeeignet sind ein Handlungsbogen wie in „Irgendwie Anders“, Wimmelbilder und lange Texte. Dauer und Ablauf: Es sind drei bis acht Minuten realistisch statt fünfzehn bis fünfundzwanzig, und zwar mit einem Kind oder höchstens zwei, in enger Körpernähe auf dem Schoß oder direkt nebeneinander statt im Halbkreis. Das Kind darf das Buch selbst halten, blättern, zurückblättern und dieselbe Seite mehrfach ansehen; das ist kein Störverhalten, sondern der eigentliche Vorgang. Das Prinzip heißt Wiederholung: dasselbe Buch über Wochen, möglichst mit denselben Formulierungen. Freiwilligkeit gilt uneingeschränkt, bei Desinteresse wird sofort beendet. Sprache: Sie benennen und zeigen, statt zu erzählen. Passend sind kurze Sätze, Lautmalerei („Der Hund macht wau wau“), die Frage „Was ist das?“ oder „Wo ist der Ball?“ und lange Pausen, damit das Kind mit dem Finger zeigen oder ein Wort beisteuern kann. Die Zeigegeste des Kindes wird aufgegriffen und in Sprache übersetzt. Kindliche Äußerungen werden nicht korrigiert, sondern über korrektives Feedback beiläufig richtig wiederholt. Die PEER-Folge ist auch hier möglich, nur kleiner: Prompt „Was ist das?“, Evaluate „Genau, ein Ball“, Expand „Ein großer roter Ball“, Repeat als Einladung.
Drei Unterschiede zur Ü3-Betrachtung: (1) Buchart und Textmenge, also Benennbuch aus Pappe gegenüber erzählendem Themenbilderbuch. (2) Dauer und Sozialform, also wenige Minuten in Körpernähe mit einem oder zwei Kindern gegenüber fünfzehn bis fünfundzwanzig Minuten im Halbkreis. (3) Gesprächsform, also Benennen, Zeigen und Wiederholen gegenüber dialogischem Lesen mit Vermutungs-, Gefühls- und Transferfragen. Ebenfalls anerkennenswert: Das Buch bleibt bei U3 in Reichweite der Kinder, und die Betrachtung ist häufig eine Eins-zu-eins-Situation im Alltag statt ein geplantes Angebot.
Zwingend für die volle Punktzahl: Alle vier Auswahlkriterien konkret auf Buch und Kinder bezogen; die drei Phasen mit Zeitangaben und je zwei Maßnahmen; vier Punkte der organisatorischen Vorbereitung; vier Impulse aus vier verschiedenen Fragearten, durchgehend offen formuliert; die vollständige PEER-Folge mit einem Beispiel aus dem Fall; die U3-Anpassung mit Buchauswahl, Dauer und Sozialform, benennender Sprache und drei Unterschieden zur Ü3-Betrachtung.
Zusatz und Vertiefung, ohne eigene Punkte: Das Ritual als fünfter Vorbereitungspunkt, der Ergänzungsimpuls, Kamishibai und Erzählschiene, das Aushalten von Pausen, das korrektive Feedback und der Hinweis, dass die U3-Betrachtung oft eine Eins-zu-eins-Situation im Alltag ist. Dazu alles Weitere, was über die Pflichtliste hinausgeht: weitere Beispiele, weitere Fachbegriffe, Merksätze und die ergänzenden Hinweise am Ende der Absätze. Fachlich richtig und lesenswert, unter Klausurbedingungen aber verzichtbar.
Zeitrahmen: Für eine Fallaufgabe dieses Umfangs sind etwa 30 Minuten vorgesehen. Handschriftlich sind das realistisch 300 bis 450 Wörter. Deshalb zuerst die Pflichtliste vollständig abarbeiten und den Zusatz nur ergänzen, wenn Zeit bleibt. Die Musterlösung erklärt bewusst mehr, als eine Klausurantwort leisten muss.
Sie arbeiten als sozialpädagogische Assistenzkraft in der Krippengruppe „Mäusenest“. Für den Freitagvormittag sollen Sie ein Kreativangebot für vier Kinder im Alter von 2;0 bis 2;9 Jahren vorbereiten. Eine Praktikantin hat bereits eine Materialliste geschrieben: Glitzerkleber, Wackelaugen, Holzperlen zum Auffädeln, kleine Schere für jedes Kind, Wasserfarbkasten, Heißklebepistole für die Fachkraft, A4-Blätter. Sie sollen die Liste vor dem Angebot prüfen. Während des späteren Angebots drückt der zweijährige Emil den Korken dreimal auf das Papier, legt ihn dann weg und verteilt die Farbe stattdessen mit der flachen Hand großflächig über das ganze Blatt.
Musterlösung
Teilaufgabe 1: Prüfung der Materialliste. Der Leitgedanke lautet: Jedes Material für unter Dreijährige wird zuerst mit der Frage geprüft, was passiert, wenn ein Kind es in den Mund nimmt. Kinder unter drei Jahren erkunden die Welt noch über den Mund, deshalb gelten hier die strengsten Regeln.
Teilaufgabe 2: Planung des Druckangebots. Geeignet sind Korkendruck oder Fingerdruck, weil der Reiz in der Wiederholung liegt und die Technik motorisch leicht zu bewältigen ist. Material: Wachstuch als Unterlage, flache Teller mit Fingerfarbe in zwei bis drei Farben, dicke Flaschenkorken, großformatiges Papier (A3 oder Packpapier), Kittel, Lappen, Wasserschüssel in Reichweite. Vorbereitung des Platzes: Tisch abdecken, für jedes Kind ein eigenes Feld abgrenzen, Farbmengen klein halten, Kittel bereitlegen, alles vorher zusammenstellen, damit während des Angebots kein Kind allein bleibt.
Ablauf in fünf Schritten: (1) Material prüfen, (2) Platz vorbereiten, (3) Einstieg und Impuls, zum Beispiel ein kurzes Fingerspiel und das gemeinsame Betrachten der Korken, (4) Begleiten und Beobachten, also danebensitzen, nur helfen, wenn ein Kind darum bittet, beschreibendes Feedback geben, (5) Abschluss und Aufräumen, wobei die Kinder Becher wegtragen, den Tisch mitwischen und Material einsortieren, weil das Aufräumen ausdrücklich zum Angebot gehört.
Prozessbezogenes Ziel: „Die Kinder machen Erfahrungen mit der Drucktechnik und mit Fingerfarbe“ statt „Die Kinder stellen ein Herbstbild her“. Angemessen ist außerdem eine kleine Gruppe von drei bis fünf Kindern, ein Zeitrahmen von rund 20 Minuten und eine bereitgehaltene Alternative, falls ein Kind nicht mitmachen möchte, denn Zwang ist ein schwerer fachlicher Fehler.
Teilaufgabe 3: Prozess vor Produkt und Reaktion auf Emil. „Prozess vor Produkt“ bedeutet, dass das Tun wichtiger ist als das Ergebnis. Kreatives Gestalten ist ästhetische Bildung, also Bildung der Sinne, und nicht die Herstellung schöner Produkte. Ein Kind, das zwanzig Minuten Farben mischt und am Ende ein braunes Blatt hat, lernt mehr als ein Kind, das eine Vorlage ausmalt. Schablonenbasteleien, das Nachbessern durch Erwachsene und bewertendes Lob widersprechen diesem Grundsatz, weil sie dem Kind die eigene Gestaltungsentscheidung und die Deutungshoheit über sein Werk nehmen.
Daraus folgt für Emil: Er nutzt das Material anders als geplant, aber er handelt genau im Sinne des Angebots, weil er Material mit allen Sinnen erfährt und eine eigene Entscheidung trifft. Fachlich richtig ist deshalb, ihn nicht zum Korken zurückzuführen, sondern ihm ein zweites Blatt hinzuschieben und ihm Zeit zu lassen. Sprachlich passend ist beschreibendes Feedback: „Du hast das ganze Blatt mit deiner Hand voll Farbe gemacht“ statt „Das ist aber schön geworden“. Beschreibungen zeigen dem Kind, dass wirklich hingeschaut wurde, und machen es unabhängig vom Lob Erwachsener. Falsch wären Korrektur, Bewertung oder das Nachbessern des Blattes.
Zwingend für die volle Punktzahl: Vier ungeeignete Materialien mit sachlicher Begründung und passender Alternative; die vollständige Materialliste und die Platzvorbereitung; der Ablauf in fünf Schritten mit dem Aufräumen als Teil des Angebots; ein prozessbezogenes Ziel; die Erklärung von Prozess vor Produkt mit Abgrenzung zur Schablonenbastelei; die begründete Reaktion auf Emil mit beschreibendem Feedback.
Zusatz und Vertiefung, ohne eigene Punkte: Alles, was über die Pflichtliste hinausgeht: zusätzliche Beispiele, weitere Fachbegriffe, Merksätze und die ergänzenden Hinweise am Ende der Absätze. Fachlich richtig und lesenswert, unter Klausurbedingungen aber verzichtbar.
Zeitrahmen: Für eine Fallaufgabe dieses Umfangs sind etwa 30 Minuten vorgesehen. Handschriftlich sind das realistisch 300 bis 450 Wörter. Deshalb zuerst die Pflichtliste vollständig abarbeiten und den Zusatz nur ergänzen, wenn Zeit bleibt. Die Musterlösung erklärt bewusst mehr, als eine Klausurantwort leisten muss.
Lina (5;3) malt in der Kita fast täglich. Ihre Menschen bestehen bis heute aus einem großen Kreis mit Gesicht, an dem Arme und Beine direkt angesetzt sind. Beim Abholen spricht Linas Vater Sie als Assistenzkraft an: „Meine Nichte ist genauso alt und malt richtige Menschen mit Körper. Lina kann das nicht. Können Sie mit ihr nicht mal üben, wie man richtig malt? Und überhaupt: Lina bringt fast nie etwas mit nach Hause. Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag?“ Eine Kollegin flüstert Ihnen zu, Sie sollten dem Vater einfach sagen, dass Lina zur Logopädie und Ergotherapie solle, dann sei Ruhe.
Musterlösung
Teilaufgabe 1: Einordnung und Phasen. Linas Darstellung ist ein Kopffüßler: ein Kreis mit Gesicht, an dem Arme und Beine unmittelbar am Kopf ansetzen. Der Kopffüßler ist typisch für das Alter von etwa drei bis vier Jahren und gilt als erste Menschendarstellung. Die weiteren Phasen lauten:
Für die volle Punktzahl genügen drei dieser Phasen jeweils mit Alter und einem Merkmal, zusätzlich zur korrekten Zuordnung von Linas Bild.
Teilaufgabe 2: Fachliche Beurteilung. Die Sorge des Vaters ist nachvollziehbar, fachlich aber nicht begründet. Die Phasen der Kinderzeichnung sind Orientierungswerte und keine Diagnosekriterien. Kinder zeichnen unterschiedlich gern und unterschiedlich viel, und ein Kind, das mit fünf Jahren noch Kopffüßler malt, ist nicht „zurück“. Anleitung zum richtigen Zeichnen hilft nicht; wirksam sind mehr Gelegenheit, mehr Zeit und mehr Material. Der Vergleich mit der gleichaltrigen Nichte ist deshalb fachlich unbrauchbar.
Georges-Henri Luquet (1876–1947) hat die Beobachtungen als Erster systematisch geordnet und vier Stadien beschrieben, die alle das Wort Realismus enthalten, weil das Kind aus seiner Sicht immer die Wirklichkeit darstellen will: zufälliger Realismus (Kritzeln ohne Absicht, Ähnlichkeit wird erst hinterher entdeckt), gescheiterter Realismus (das Kind will etwas Bestimmtes zeichnen, scheitert aber noch an der motorischen Umsetzung, typisch ist der Kopffüßler), intellektueller Realismus (das Kind zeichnet, was es weiß, nicht was es sieht, daher die Röntgenbilder) und visueller Realismus ab etwa acht bis neun Jahren mit Perspektive und Proportionen. Linas Kopffüßler ist damit dem gescheiterten Realismus zuzuordnen.
Rhoda Kellogg (1898–1987) hat vor allem die frühe Kritzelphase untersucht, über eine Million Kinderzeichnungen ausgewertet und 20 Grundkritzelmuster beschrieben, darunter Punkte, senkrechte, waagerechte und diagonale Linien, Zickzacklinien und Kreisbewegungen. Aus deren Kombination entstehen Grundformen wie Kreis und Kreuz und schließlich der Kopffüßler. Ihr Verdienst ist, dass sie Kritzeleien als eigene Leistung sichtbar gemacht hat und nicht nur als Vorstufe zu etwas Richtigem.
Teilaufgabe 3: Gesprächsreaktion und Rollengrenze. Zwei mögliche Sätze: „Lina hat heute lange am Maltisch gearbeitet und ausprobiert, wie sich die Farben mischen lassen. Sie hat sich für ihr Bild richtig viel Zeit genommen.“ Und: „Ihre Frage, ob Linas Malen zu ihrem Alter passt, gebe ich gern an unsere Gruppenleitung weiter. Sie kann Ihnen dazu in Ruhe etwas sagen und einen Gesprächstermin anbieten.“ Wirksam ist, den Prozess zu erzählen statt das Produkt zu verteidigen, und dabei konkret zu bleiben.
Die Rollengrenze: Tür-und-Angel-Gespräche führen Sie täglich und selbstständig, sie bleiben aber bei kleinen Themen. Auskünfte über Entwicklungsstand, vermutete Auffälligkeiten oder gar Therapieempfehlungen gehören nicht in die Assistenzrolle und nicht in die Garderobe, weil andere Eltern und die Kinder selbst mithören. Der Vorschlag der Kollegin, dem Vater Logopädie und Ergotherapie zu empfehlen, wäre gleich doppelt falsch: Er formuliert eine Diagnose, die Ihnen nicht zusteht, und er tut es an einem ungeeigneten Ort. Auch Fragen zur pädagogischen Ausrichtung der Einrichtung (Warum bringt Lina nichts mit nach Hause?) gibst du an die Fachkraft weiter.
An die Fachkraft geben Sie zeitnah und stichpunktartig weiter: die Frage des Vaters im Wortlaut, seine Sorge, den Wunsch nach Übung und den Wunsch nach sichtbaren Ergebnissen sowie Ihre eigenen sachlichen Beobachtungen zu Linas Malverhalten (Häufigkeit, Ausdauer, Materialwahl, was sie erzählt). Die Fachkraft entscheidet über das weitere Vorgehen und führt das Entwicklungsgespräch.
Zwingend für die volle Punktzahl: Die Zuordnung als Kopffüßler mit Begründung am Bildmerkmal; drei weitere Phasen mit Altersangabe und Erkennungsmerkmal; die Aussage, dass die Phasen Orientierungswerte sind und Üben nicht hilft; Luquet mit zwei Stadien und der Zuordnung von Linas Bild; Kellogg mit den 20 Grundkritzelmustern; zwei prozessorientierte und wertschätzende Sätze; die Rollengrenze mit ausdrücklicher Zurückweisung des Vorschlags der Kollegin; die konkrete Weitergabe an die Fachkraft.
Zusatz und Vertiefung, ohne eigene Punkte: Alles, was über die Pflichtliste hinausgeht: zusätzliche Beispiele, weitere Fachbegriffe, Merksätze und die ergänzenden Hinweise am Ende der Absätze. Fachlich richtig und lesenswert, unter Klausurbedingungen aber verzichtbar.
Zeitrahmen: Für eine Fallaufgabe dieses Umfangs sind etwa 30 Minuten vorgesehen. Handschriftlich sind das realistisch 300 bis 450 Wörter. Deshalb zuerst die Pflichtliste vollständig abarbeiten und den Zusatz nur ergänzen, wenn Zeit bleibt. Die Musterlösung erklärt bewusst mehr, als eine Klausurantwort leisten muss.
Sie bereiten Ihre praktische Prüfung vor und wollen ein musikalisches Angebot für fünf Kinder im Alter von 4;1 bis 5;5 Jahren durchführen. Ihre erste Idee war, das Fingerspiel „Zehn kleine Zappelmänner“ als vollständiges Prüfungsangebot zu zeigen. Ihre Praxisanleitung rät davon ab. Beim Probelauf in der Gruppe verteilen Sie zu Beginn an alle Kinder Rasseln und Klanghölzer und wollen sofort ein Begleitlied starten. Innerhalb von zehn Sekunden ist der Raum so laut, dass niemand mehr etwas hört, und Sie brechen ab.
Musterlösung
Teilaufgabe 1: Fingerspiel als Einstieg. Ein Fingerspiel ist ein kurzer Reim oder Vers, der mit Finger- und Handbewegungen begleitet wird. Es fördert Feinmotorik, Sprachrhythmus, Wortschatz und Aufmerksamkeit, braucht kein Material und lässt sich überall einsetzen. Für ein Prüfungsangebot von 20 bis 30 Minuten reicht es jedoch nicht aus: Ein Fingerspiel dauert bei Krippenkindern höchstens zwei bis drei Minuten und füllt damit die Prüfungszeit nicht. Es gehört deshalb als Einstieg in ein Angebot und sollte inhaltlich zum Thema hinführen; ein Fingerspiel, das mit dem Angebot nichts zu tun hat, ist ein zweiter typischer Fehler.
Die vier Schritte lauten: (1) den Vers selbst sicher auswendig können, (2) langsam und deutlich vormachen, mit großen Bewegungen und Blickkontakt, (3) wiederholen, wobei die Kinder mitmachen, (4) Tempo und Lautstärke variieren, also einmal flüstern und einmal ganz schnell sprechen. Wer den Text nicht auswendig kann, schaut auf den Zettel, verliert den Blickkontakt und damit die Gruppe. Deshalb sollten die Verse laut geübt werden, nicht im Kopf.
Teilaufgabe 2: Entwurf der Klanggeschichte. Eine Klanggeschichte ist eine kurze Geschichte, in der bestimmte Wörter oder Szenen mit Instrumenten vertont werden. Sie verbindet Zuhören, Konzentration, Sprache und Rhythmus und eignet sich deshalb gut für die praktische Prüfung. Als Handlung eignet sich ein Spaziergang mit drei bis vier wiederkehrenden Elementen, zum Beispiel:
Ablauf: Im Einstieg (3 bis 5 Minuten) führt ein passendes Fingerspiel oder ein kurzes Lied zum Thema hin, danach wird jedes Instrument gezeigt, erprobt und seinem Element zugeordnet. Der Hauptteil (10 bis 15 Minuten) besteht aus der erzählten Geschichte, die kurz bleibt (drei bis vier Minuten), und einem zweiten Durchgang, bei dem die Kinder die Instrumente tauschen, damit jedes Kind mehrere Klangerfahrungen macht. Im Abschluss (3 bis 5 Minuten) folgen ein kurzes Nachgespräch, das gemeinsame Zurücklegen der Instrumente und der Übergang in den Alltag.
Feinziel (überprüfbar, Kind als Subjekt, beobachtbares Verb): „Die Kinder setzen ihr Instrument beim jeweiligen Einsatzzeichen der Geschichte selbstständig ein.“ Ebenfalls möglich: „Die Kinder benennen mindestens zwei der vier Instrumente mit Namen.“ Nicht zulässig sind Formulierungen wie „Die Kinder haben Spaß“ oder „Die Kinder erleben Musik“, weil sie nicht beobachtbar sind, und Ich-Formulierungen wie „Ich zeige den Kindern die Instrumente“, weil sie einen Handlungsschritt und kein Ziel beschreiben. Sinnvoll ist außerdem, die berührten Bildungsbereiche zu benennen: musisch-ästhetische Bildung immer, dazu Sprache, Bewegung und soziale Bildung.
Teilaufgabe 3: Analyse der zwei Fehler. Der erste Fehler ist, dass die Instrumente verteilt und sofort in ein Lied gestartet wurde, ohne den Kindern Zeit zum Ausprobieren zu geben. Instrumente wecken sofort den Wunsch auszuprobieren; wer mit „Nicht spielen, erst zuhören!“ beginnt, kämpft die ganze Einheit gegen die Neugier an. Die Lösung besteht darin, jedes Kind sein Instrument zuerst etwa eine Minute frei erkunden zu lassen.
Der zweite Fehler ist das fehlende Stopp-Signal. Ohne vereinbartes Zeichen gibt es keine Möglichkeit, die Gruppe wieder zu sammeln. Die Lösung: ein einfaches, immer gleiches Signal vereinbaren, etwa die Hände auf die Knie legen, eine Triangel oder Klanghölzer, und dieses Signal drei Mal wie ein Spiel üben, bevor das eigentliche Angebot beginnt. Erst danach beginnt das Lied oder die Geschichte, und die Kinder können im Wechsel laut und leise mitspielen. Die richtige Reihenfolge lautet also: erst frei erkunden lassen, dann Stopp-Signal vereinbaren und üben, dann gemeinsam spielen.
Zwingend für die volle Punktzahl: Die Begründung, dass ein Fingerspiel als alleiniges Angebot zu kurz ist und als Einstieg zum Thema hinführen muss; vier Schritte des Einsatzes in richtiger Reihenfolge; vier Handlungselemente mit eindeutiger Instrumentenzuordnung; der Ablauf mit realistischen Zeiten und einem zweiten Durchgang mit Instrumententausch; ein überprüfbares Feinziel; beide Fehler erkannt und gelöst.
Zusatz und Vertiefung, ohne eigene Punkte: Die Benennung der berührten Bildungsbereiche und weitere Handlungselemente über die geforderten vier hinaus. Dazu alles Weitere, was über die Pflichtliste hinausgeht: weitere Beispiele, weitere Fachbegriffe, Merksätze und die ergänzenden Hinweise am Ende der Absätze. Fachlich richtig und lesenswert, unter Klausurbedingungen aber verzichtbar.
Zeitrahmen: Für eine Fallaufgabe dieses Umfangs sind etwa 30 Minuten vorgesehen. Handschriftlich sind das realistisch 300 bis 450 Wörter. Deshalb zuerst die Pflichtliste vollständig abarbeiten und den Zusatz nur ergänzen, wenn Zeit bleibt. Die Musterlösung erklärt bewusst mehr, als eine Klausurantwort leisten muss.